2. Dezember 2019 1 Likes

Das falsche Versprechen

Warum uns das Digital Rights Management zu Leibeigenen der Medienkonzerne macht

Lesezeit: 7 min.

Als Religion und Kirche übermächtig waren, konnte der Klerus den Gläubigen so manche Demütigung zumuten – er musste sich einfach nur auf den „Willen Gottes“ berufen. Heute vergöttert unsere moderne, säkulare Religion den freien Markt als selbstkorrigierendes, selbstperfektionierendes System, in dem jeder einfach nur in seinem eigenen Interesse handeln muss, damit es allen besser geht. Und wenn es einmal allen schlechter geht, weil ein Konzern Profit machen will, dürfen wir uns nicht beschweren. So sind eben die „Gesetze des Marktes“.

Dann stand die digitale Revolution vor der Tür, und die die Wirtschaftspriester ermahnten uns, sich nicht von der Möglichkeit einer unbegrenzten Verbreitung allen menschlichen Wissens zum Nulltarif in Versuchung führen zu lassen. Eine Technologie, die den „Konsumenten“ freien Zugang zu Informationsgütern wie Büchern, Filmen, Spielen und Musik gewährte, sei von Übel, denn sie vernichte die Medienmärkte – also genau die Märkte, die uns zwangen, unsere Musik alle paar Jahre auf neuen Datenträgern zu kaufen, die die Bibliotheken dazu drängten, besonders beliebte Bücher zu ersetzen, sobald sie zerlesen waren, und so weiter.

Dabei gab es ja wohl kaum jemals eine Nachfrage nach Büchern, die sofort auseinanderfallen, oder einem Musikformat, das nach ein paar Jahren schon wieder veraltet ist. Man machte uns einfach weis, dass die Grenzen der physischen Welt in Wahrheit Herausforderungen darstellten, die eine Vielzahl von „Innovationen“ ermöglichten. So konnte man uns ein und dasselbe Album erst auf Vinyl, dann auf Acht-Spur-System, dann auf Musikkassette und schließlich auf CD verkaufen.

Diesen Kreislauf der ständigen Erneuerung zu durchbrechen, indem man sofortigen, kostenlosen digitalen Zugang zu allen kulturellen Errungenschaften für jeden ermöglicht, war für die Religion des Marktes eine Todsünde. Ihre Priesterschaft hatte eine orthodoxere, konventionellere Nutzung der Digitalisierung im Sinn: Mittels digitaler Werkzeuge sollten neue Märkte erschlossen werden, die in der Welt der tumben Materie überhaupt nicht existierten.

Eine Ware einfach nur zu verkaufen, ist ziemlich ineffizient. Oft will man etwas gar nicht besitzen, sondern nur gebrauchen: Man will heute die Berechtigung, ein Buch zu lesen, aber man will das Buch nicht für alle Ewigkeit im Regal stehen haben. Man will einen Teil von einem Song als Klingelton, aber man will ihn nicht in seiner Musikbibliothek haben. Man will einen kurzen Ausschnitt aus einem Film beispielsweise im Rahmen eines Studienprojekts verwenden, ohne gleich den ganzen Film kaufen zu müssen. Die Digitalisierung, so versicherte uns die Priesterschaft, könne diese und viele andere Märkte Wirklichkeit werden lassen! Eine Technologie namens „Digitales Rechtemanagement“ (DRM) würde es Käufern und Verkäufern ermöglichen, untereinander Sonderrechte zum reduzierten Tarif zu verhandeln. Und genau wie eine bescheidene Immobilienhypothek in eine Million „Produkte“ zerlegt wurde, die man dann in Form von komplexen Finanzinstrumenten an Investoren verkaufte, so könne man ein einzelnes Buch in tausend Sub-Bücher aufspalten: Eines durfte man nur am Mittwoch lesen, ein anderes nur im Flugzeug, ein weiteres nur nach Sonnenuntergang.

Dieses Versprechen wurde selbstverständlich nie eingelöst. Stattdessen verkaufen heute vier der fünf größten Verlage der USA alle ihre Bücher mittels DRM (mit Ausnahme von Tor, des Science-Fiction- und Fantasy-Imprints von MacMillan, das DRM-frei ist). Diese E-Books ähneln normalen Büchern – bis auf die Tatsache, dass sie erst von dem Händler, der sie verkauft hat (Kindle, Nook, Kobo etc.) für den Leser freigeschaltet werden müssen. Sie können weder verschenkt noch weiterverkauft und nur bedingt oder gar nicht verliehen werden. Mit anderen Worten: E-Books sind wie herkömmliche Printausgaben, sie unterliegen diesen gegenüber jedoch gewissen Einschränkungen: man kann sie nicht verkaufen, verleihen, verschenken oder auf jedem beliebigen Endgerät lesen. Und dabei kosten sie genauso viel wie normale Bücher.

Man hat uns gesagt, dass wir uns von den unbegrenzten Möglichkeiten, die uns die Digitalisierung versprochen hat, zugunsten einer reglementierten Digitalisierung verabschieden müssten. Doch dafür würden wir dynamische, lebhafte Märkte und genau auf uns zugeschnittene Produkte zu einem Preis erhalten, der ihre eingeschränkte Funktionalität widerspiegelt. Die eingeschränkte Funktionalität haben wir bekommen – allerdings ohne entsprechenden Preisnachlass.

Die Religion der Märkte predigte uns, dass wir uns von der Vorstellung von Eigentum – einem überholten Konzept aus der Welt der schmuddeligen Atome – freimachen müssten. Im digitalen Reich der Zukunft gab es keinen Besitz mehr, sondern nur noch Lizenzen. Wir wären befreit von den Verpflichtungen, die Eigentum mit sich bringt.

Und so kam es auch. Wir besitzen nichts mehr. Diesen Sommer stellte Microsoft seinen E-Book-Verkauf ein und schaltete gleichzeitig die dafür zuständigen DRM-Server ab, womit jedes von Microsoft verkaufte E-Book unlesbar wurde. Als Wiedergutmachung gewährte Microsoft allen bekannten Käufern eine Kostenerstattung, doch das war nur ein schwacher Trost. Als ich noch als Buchhändler in Toronto arbeitete, wäre ich auch nicht auf die Idee gekommen, in Ihr Haus einzubrechen und die Bücher wieder mitzunehmen, die ich Ihnen vorher verkauft habe. Ihnen dann eine Kostenerstattung dazulassen, wäre wohl kaum eine adäquate Wiedergutmachung für einen Einbruch gewesen. Hinzu kommt, dass es nicht alle Bücher, die Microsoft konfisziert hat, woanders zu kaufen gibt, und auch die digitalen Anmerkungen, die man sich eventuell gemacht hat, sind im elektronischen Nirwana verschwunden.

Und das passiert nicht zum ersten Mal: Walmart kündigte bereits 2008 das Ende seines DRM-Service an (konnte aber durch eine Verwarnung der Bundeshandelskommission davon abgehalten werden). Auch Microsoft hat diesbezüglich eine Vorgeschichte: 2004 kam eine Reihe von Musikplayern heraus, die mit dem firmeneigenen Lizenzdienst verbunden waren. 2008 wurden die DRM-Server abgeschaltet, und die von den Kunden gekauften Musiktitel waren verloren.

Wir besitzen nichts mehr – alles Eigentum unterliegt nun der Kontrolle transhumaner, unsterblicher, Kolonien bildender Organismen: der Konzerne. Und statt der versprochenen Flexibilität und der unschlagbaren Schnäppchen haben wir jetzt Wucherpreise und Unzuverlässigkeit.

Ein weiteres Beispiel dafür sind Lehrbücher: Der Preis für Lehrbücher steigt in den USA im Durchschnitt um zwölf Prozent pro Jahr. Die Verlage kassieren 3,5 Milliarden Dollar jährlich von Studenten und Schülern. Die meisten Bücher sind nur mit verpflichtendem Onlineangebot erhältlich, dessen Lizenz jedes Jahr erneuert werden muss. Selbst wer gebrauchte Lehrbücher kauft, muss zusätzlich einen Onlinezugang erwerben. Die Professoren empfehlen gegen teilweise horrende Bestechungsgelder nur die teuersten Lehrmaterialien, und die Verlage nehmen mittlerweile alle paar Jahre kleine Änderungen an der Software vor, damit ältere „Ausgaben“ desselben Buches nicht mehr dem Lehrplan entsprechen und praktisch nutzlos werden.

Mit den Bibliotheken verhält es sich genauso: Die geben häufig mehr Geld für E-Books als für gedruckte Bücher aus. Und das auch noch zu unverschämten Bedingungen: Manche Bibliotheksausgaben zerstören sich nach einer gewissen Zahl von Ausleihvorgängen selbst (HarperCollins). Andere Verlage verkaufen E-Books erst, wenn die Hardcover-Ausgabe von der Novitätenliste verschwunden ist (Tor). Auch hier gilt: E-Books sind wie Printausgaben, nur schlechter. Und teurer.

Aber ist es nicht dem DRM zu verdanken, dass man sich überhaupt E-Books in einer Bibliothek ausleihen kann? Die Verlage haben lange gezögert, den Bibliotheken E-Books zu verkaufen, und taten dies erst, als die Bibliotheken DRM-Systeme wie zum Beispiel Overdrive einführten (deren Unterhalt ihr Budget auffrisst, wodurch weniger neue Titel angeschafft werden können, was wiederum weniger Einnahmen für Verlage und Autoren zur Folge hat). Dabei wäre es gar nicht so schlimm, auf DRM zu verzichten. Im kostspieligen Audiobook-Bereich gibt es schon seit fünf Jahren kein DRM mehr, und trotzdem verkaufen die Hörverlage ihre Titel fleißig weiter an die Bibliotheken.

Selbst die Streamingdienste – die einem wohl als Erstes einfallen, wenn man an DRM denkt – müssten nicht befürchten, ohne DRM ihre Kunden zu verlieren. Die Leute gehen ja nicht zu Spotify oder Netflix, um im ersten Monat ihre fünf (oder fünfzig oder fünfhundert) Lieblingstitel herunterzuladen und dann wieder zu kündigen. Die Leute wollen diese Dienste, weil sie bequem sind und ständig etwas Neues bieten – und das geht auch ohne DRM ganz prima.

Trotzdem sind die Streamingdienste von DRM abhängig. Nur so lässt sich verhindern, dass unabhängige Firmen werbefreie Spotify-Player entwickeln oder dass die Leute sich ihre Weihnachtsfilme schon im Juli von Netflix oder Amazon Prime herunterladen, ihr Abo kündigen und sie sich im Dezember gratis ansehen.

Die Bezeichnung für eine Gesellschaftsform, in der alles einer kleinen elitären Gruppe gehört, die dieses Eigentum der Mehrheit nur leihweise zur Verfügung stellt, lautet Feudalismus. DRM ist alles andere als der Schlüssel zur Welt der flexiblen Kundenwünsche, aber so war es auch nie gedacht. Stattdessen haben sich zwanzig Jahre nach Einführung des DRM unsere schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet. Die Menschen haben keinen Besitz mehr, sondern sind Leibeigene der gierigen, oligarchischen Technologie- und Medienkonzerne, deren Innovationsbestrebungen nicht darauf abzielen, uns wunderbare neue Marktmöglichkeiten zu eröffnen – sondern uns zu zwingen, mehr Geld für weniger auszugeben.

 

Cory Doctorow ist Schriftsteller, Journalist und Internet-Ikone. Mit seinem Blog, seinen öffentlichen Auftritten und seinen Büchern hat er weltweit Berühmtheit erlangt. Sein Roman „Walkaway“ ist im Shop erhältlich. Zuletzt erschien bei Heyne seine Novelle „Wie man einen Toaster überlistet“ (im Shop).

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