25. November 2019

Lieferhelden von morgen

Wie die Polizei, Amazon Prime und Fast-Food-Lieferanten unsere Städte in Zukunft sicherer machen könnten

Lesezeit: 5 min.

Gestern, Vinckestraße, Höhe Adenauer-Allee. An der Straßenecke parkte, charmant auf dem Bürgersteig, ein Polizeiauto. Ich dachte mir: „Ein Polizeiauto. So so.“ Ein Wachtmeister stieg aus, dem Klimawandel entsprechend in luftiges Blaugrau gekleidet, auch vom Gesicht her Freund und Helfer durch und durch: kantig, drei-tage-bärtig, Ohrring, die dunkle Sonnenbrille lässig hoch in die Stirn geschoben, ein Derrick vor dem Herrn, aber in Uniform. Mit staatstragendem Schritt marschierte er auf das Eckhaus zu, unter dem Arm: zwei Pakete von Amazon.

Amazon Prime.

Ich setzte den Blinker und bog ab, schaute in den Rückspiegel, und tatsächlich: der Polizist stand jetzt an der Tür zum Eckhaus, klingelte, zwei Pakete von Amazon unter dem Arm.

Amazon Prime.

Warum Amazon Prime?

Als Amazon-Prime-Kunde genießt man viele verschiedene Vorteile. Man darf auf Tigern zur Arbeit reiten, beim Metzger zwischen verschiedenen Schinkensorten auswählen (Schwarzwälder, Holsteiner, Coppa, Serrano, Jamón Bellota Pata Negra), weltweit kostenlos ein elektronisches Tagebuch führen und auf den meisten öffentlichen Plätzen ein Loblied auf Amazon Prime singen (in jeder beliebigen Stimmlage).

In alten Zeiten mutete die Mitgliedschaft in Geheimgesellschaften bisweilen anrüchig an. Wie oft hörte man Ausrufe des Erstaunens wie: „Was? Du bist Freimaurer? Rosenkreuzer? Illuminat?“ Gefolgt von lästigen Fragen: „Wie hoch ist denn da der Jahresbeitrag? Gibt es Familienkarten und -rabatte? Lässt sich das steuerlich absetzen? Tagt ihr zur Jahreshauptversammlung im Mittelpunkt der Erde? Seid ihr nicht für den Börsencrash verantwortlich, das große Erdbeben von San Francisco 1906 und die Klimakatastrophe? Stimmt es, dass ihr keine Steuern zahlen müsst und Amazon Prime kostenlos schauen dürft?“

Ich denke, der Unterschied zwischen den herkömmlichen Geheimgesellschaften und Amazon Prime ist damit sichtbar geworden. Was aber hat die Polizei neuerdings damit zu tun?

Ich glaube, die Polizei und Amazon Prime haben die Synergie für sich entdeckt: Wenn man sowieso auf Streife fährt, warum dabei nicht Postpakete ausliefern? Auch muss das Prime-Paket noch nicht das Ende der synergetisch-polizeidienstlichen Fahnenstange sein: Könnten die Ordnungshüter, einmal on the road, nicht auch Pizza oder Asian Food ausliefern, Lieferheld werden für alle Geschmäcker? Könnte sich im Gegenzug Amazon nicht damit revanchieren, dass ihre hochfliegenden Paketauslieferdrohnen die Gegend ein bisschen im Auge behalten und gegebenenfalls bei Sichtung verdächtiger Gestalten diese an die Polizei melden – oder gleich selbst festnehmen? Vielleicht bei kleineren Delikten (öffentliches Urinieren, Anrempeln älterer Damen, rüpelhafte Aufforderung zu sexuellen Gefälligkeiten) gleich ein Urteil sprechen – und vollstrecken, den Übeltäter zum Beispiel für zwei oder drei pädagogisch wertvolle Tage mit Handschellen an einen Metallzaun ketten, wie sie hier vor jedem Garten stehen? Wer wissen will, warum der Mensch da am Zaun haftet, kann mittels Geocaching im Internet nachschlagen: Aha, der hat eine ältere Dame angerüpelt und ist kein Amazon-Prime-Kunde, das Schwein! Man sollte einen Jamón Bellota Pata Negra aus ihm machen, das wird ihm eine Lehre sein!

Selbstverständlich würde die Drohne so weit nicht gehen; sie würde einem eingebauten und vom TÜV geprüften Gerechtigkeitsalgorithmus folgen, der zum Beispiel besagt: „Minder kriminelle Rüpel sind nicht zum Verzehr freigegeben. Im Vordergrund steht bei uns Drohnen nicht die Rache, sondern der Erziehungsgedanke. Unser Ziel ist die Wiedereingliederung des Halunken in die menschliche Gesellschaft. Da wir von Gemeinschaftsgefühl und Bürgertugenden plaudern: Dürfte ich das Paket für Ihren Nachbarn bei Ihnen hinterlegen? Danke, Bürger! Wir schreiben Ihnen dafür drei Gemeinschaftswohlförderpunkte gut. Haben Sie schon einmal über eine Mitgliedschaft bei Amazon Prime nachgedacht?“

Auf der anderen Seite täte auch das Gezeter um angebliche No-Go-Areas ein Ende nehmen, ja eine Wendung ins Positive erfahren: Es gäbe dann unter polizeiliche Aspekten normale und Prime-Bezirke in der Stadt. In den Prime-Bezirken führen verstärkt Polizeiautos Patrouille, wären Polizeiwachen rund um die Uhr geöffnet, in denen man Pakete aufgeben und einen gesunden Imbiss zu sich nehmen kann, und gegen einen kleinen Aufpreis schlenderte sogar wieder ein Schutzmann auf Streife, die Hände im Rücken verschränkt.

Und die Sub-Prime-Zonen?, werden nun besorgte Bürger fragen. Werden die den böhmischen Wölfen zum Fraß vorgeworfen? Sinken sie in Vergessenheit und werden von einer tausendjährigen Hecke umrankt?

Diesen Zukunftsskeptikern rufe ich zu: Wozu haben wir denn die Drohnen? Wer Drohen hat, der hat auch Distanz-Elektroimpulsgeräte, in der Schweiz gerne „Destabilisierungsgeräte“ genannt! Dank solcher die Lage stabilisierenden Destabilisierungsgeräte wird auch in bislang unruhigen Bezirken jene Ruhe einziehen, die zu bewahren eigentlich erste Bürgerpflicht wäre, eine Last, die alsbald dazu taugliche Maschinen von schwachen Menschenschultern heben werden. So wird auch in den Sub-Prime-Bezirken ein Frieden herrschen, für dessen Garantie kein Polizeimensch männlichen oder weiblichen Geschlechts mehr Leben und Gesundheit aufs Spiel setzen müsste.

Sicher wird man sich fragen: Wer wacht über die Wächter? Wer drohnt über den Drohnen? Eine höchst überflüssige Frage: Wir fragen schließlich auch nicht, wer die autonomen Autos steuert – die Autos steuern sich selbst, natürlich! Weshalb sollte das bei diesen Drohnen anders sein, die ich mir als geballte, batterie- oder sonnenkollektorbetriebene Moralmaschinen vorstelle?

Gut möglich, dass eines nicht mehr allzu fernen Tages die Bürger unserer Stadt und aller anderen Städte entspannt die Hände in den Nacken legen, in den drohnenbeschirmten Himmel schauen, lächeln und nur gelegentlich aufstehen, wenn es an der Tür klopft und man eine robuste Stimme rufen hört: „Aufmachen! Hier ist die Polizei! Wir haben ein Paket für Sie!“

Wenn wer dieses nicht mehr allzu fernen Tages darüber nachdenkt, wann die Welt eigentlich damals angefangen hat, sich so zum Guten zu wenden, wird vielleicht jemand jener Szene gedenken, damals, an der Ecke Vinckestraße und Adenauer-Allee.

Noch einmal schaute ich in den Rückspiegel. Der Polizist klappte seine Sonnenbrille herunter, setzte sich ans Steuer und startete den Wagen. Dann fuhr er los, der Zukunft entgegen.

 

Hartmut Kasper ist promovierter Germanist, proliferanter Fantast und seines Zeichens profilierter Kolumnist. Alle Kolumnen von Hartmut Kasper finden Sie hier.

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