25. Dezember 2019 4 Likes 1

„Ich nahm an, dass es niemals jemand lesen würde.“

Im Herzen des Imperiums: Ein Interview mit SF-Autorin Arkady Martine

Lesezeit: 8 min.

Arkady Martines Debütroman „Im Herzen des Imperiums“ (im Shop) gehört dank seiner Ideen, seiner konzeptionellen und sprachlichen Güte sowie seiner gelungenen Andersartigkeit zu den interessantesten, besten Science-Fiction-Büchern der letzten Jahre. In ihrem beeindruckenden Erstling beschreibt die amerikanische Historikerin und Stadtplanerin, die eigentlich Dr. AnnaLinden Weller heißt und bereits in der Türkei, Kanada und Schweden lebte, wie die junge Mahit Dzmare als Botschafterin der Lsel-Stationswelt in die prächtige planetare Hauptstadt des Teixcalaanlische Imperiums kommt. Dort beherrschen Poesie, Politik, Etikette und Intrigen das alltägliche und das höfische Leben, während ein mächtiger Algorithmus die gigantische Stadt selbst steuert. Mahit muss sich mit einer fremden Kultur voller sprachlicher Nuancen und komplexer Ränke auseinandersetzen, den Tod ihres Vorgängers untersuchen und das Geheimnis der Imago-Maschinen wahren. Diese ermöglichen es, die Erinnerungen und die Persönlichkeit eines verblichenen Menschen von der Lsel-Stationswelt für eine interaktive Symbiose von Wissen und Emotionen digital zu speichern und dank eines Implantats weiterzugeben. Der erste Roman über das ständig expandierende Teixcalaanlische Imperium bietet also genauso viel außergewöhnliche Space Opera wie diplomatisches Drama oder überraschenden Cyberpunk. Im Interview spricht Arkady Martine, die mit ihrer Frau Vivian Shaw derzeit in Santa Fe wohnt, über ihre schriftstellerische Prägung, ihr liebstes Imperium der Science-Fiction, Marktfähigkeit, Planetenstadtplanung und das Sequel zu „Im Herzen des Imperiums“.

 


Arkady Martine

Hallo Arkady. Erzählst du uns ein bisschen was über deine prägenden frühen Science-Fiction-Berührungen?

Mein Vater ist ein SF-Fan, und als ich ein Kind war, gab es in unserer ganzen Wohnung billige Taschenbücher des Goldenen und des Silbernen Zeitalters der SF, die aus seiner Kindheit stammten. Er gab mir außerdem Asimovs R. Daneel-Bücher (im Shop), als ich vielleicht … acht Jahre alt war? Acht, glaube ich. Ich habe sie definitiv vor „Foundation“ und „Foundation und Imperium“ (im Shop) gelesen, und „Foundation und Imperium“ las ich in der vierten Klasse und wurde schnell ein Anhänger von Hari Seldon, sehr zum Missfallen meiner Sozialkundeklasse (ich kam darüber hinweg). Damit will ich vermutlich sagen, dass SF die Sprache des Geschichtenerzählens war, die ich zuerst lernte.

Welche Autoren und Werke des Genres zählst du aktuell zu deinen Favoriten?

Elizabeth Bears „Ancestral Night“, das erstaunlich ist; Max Gladstones neues Buch „Empress of Forever“; und ich bin weiterhin obsessiv in Hinblick auf William Gibson (im Shop) und denke, dass „Peripherie“ eines der besten literarischen Werke ist, das in den letzten sechs Jahren produziert wurde. All diese Autoren benenne ich häufig auch als meine Einflüsse, zusammen mit C. J. Cherryh (im Shop), James Tiptree Jr. und Guy Gavriel Kay. Elizabeth Bear brachte mir bei, wie man schreibt; C. J. Cherryh zeigte mir, wie man Politik schreibt; und wenn es um kleine Details geht, die eine Welt rendern und real machen, ist Gibson der Aufmerksamste, den ich je gesehen habe. Jeder sollte „Hinterwäldler“ (im Shop) lesen, eine seiner ganz frühen Geschichten.

Welches Imperium der klassischen Science-Fiction ist dein liebstes?

Für mich ist das wohl noch immer das aus „Der Wüstenplanet“ (im Shop) – „Dune“ hat die Richtung vorgegeben. Ich las es in sehr jungen Jahren und es fühlte sich wild und seltsam und riesig an, und seine Verwurzelung in politischen und sozialen Systemen war für mich absolut unwiderstehlich. Ich liebte Liet Kynes und den Planeten, der ihn umbrachte. Ich liebte all die Probleme, die mit Vorahnungen und Imperien und dem Überleben auf Arrakis einhergehen. Tue ich noch immer.


Wichtige Einflüsse

Du bist Historikerin und eine Expertin für das Byzantinische Reich. Wann wusstest du, dass du dein eigenes fiktives Imperium dennoch in einem futuristischen SF-Setting ausbreiten würdest?

Die Sprache spekulativer Fiction ist meine Sprache: Ich mag es, Konzepte und Ideen – schwierige, komplexe, für gewöhnlich soziologische und manchmal technologische – durch Zukünfte oder Magie oder sonst wie andere Welten zu schleudern und neu zu vermessen. Und Far-Future-Science-Fiction ist mein liebster Bereich, um große philosophische und ethische Fragen aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Um nahe genug an ein Problem wie oh, Assimilation und kulturellen Imperialismus heranzukommen – um die Leser sich selbst an den scharfen Kanten schneiden zu lassen, ohne dass es zu nahe ist und sie ausbluten.

War die Punchline Meine Space Opera konzentriert sich auf Figuren, Diplomatie und Poesie schwer zu verkaufen – und hattest du je Sorge, zu weit vom Mainstream abgerückt zu sein? Oder bringt genau das auf dem heutigen Markt Erfolg?

Als ich „Im Herzen des Imperiums“ schrieb, nahm ich an, dass es niemals jemand lesen würde, denn davon hatte ich mich selbst überzeugt, um den Roman schreiben zu können. Ich schrieb einfach, worüber ich wollte – Architektur, Poesie, Ästhetik, Diplomatie. Ich war auf erfreuliche Weise überrascht, dass das anscheinend bedeutete, etwas geschrieben zu haben, das auch viele andere Menschen mögen. Also: Vergesst Marktfähigkeit. Der einzige Weg, so viele Wörter gut zu Papier zu bringen, ist der, genau das zu schreiben, was man schreiben will, selbst wenn das endlose Beschreibungen von Architektur und Kleidung und Essen, Dichterwettstreite und hyper-innenpolitische Erwägungen sind.

Wie bist du auf die Idee der Imago-Linien und -Maschinen gekommen, die Wissen und Bewusstsein anderer Menschen speichern und weitergeben?

Ich dachte eigentlich darüber nach, wie eine Person heimgesucht werden kann. Über die verschiedenen Arten des Heimgesuchtwerdens: von Situationen, von deinen Vorfahren und ihren Taten, von dem, was an einem bestimmten Ort passiert ist. Und über Geisterheimsuchung und inwiefern es hilfreich sein könnte, wenn der Geist Informationen hätte. Außerdem bin ich von Generationenschiffen und Konzepten der Ressourcenknappheit besessen und versuchte mich durch das Gedankenexperiment zu arbeiten, was passieren würde, wenn die wichtigste Sache, die eine Kultur zu bewahren hätte, wie zur Hölle du dieses Raumschiff steuerst wäre.

Daraus entstanden die Imago-Maschinen. Und auch daraus, viel über die Natur der Erinnerung selbst, das Bewusstsein und Kontinuität nachzudenken. Ich mache Peters Watts und seinen Roman „Blindflug“ (in Shop) ein Stück weit dafür verantwortlich, mit einem signifikanten Abstrich (seine Arbeit mit dem Bewusstsein ist wissenschaftlich wesentlich akkurater als meine, und seine philosophischen Schlüsse sind erheblich grimmiger). Doch da habe ich erstmals über Kontinuität und Weisheit/Empfindungsvermögen nachgedacht.

Die Imago-Maschinen sind das am wenigsten plausibelste Element in meinem Buch, da es meines Wissens nach keine gegenwärtige Technologie gibt, die etwas so ähnliches tun könnte, wie die Erinnerung und Persönlichkeit zwischen zwei Menschen weiterzugeben. Ein Freund von mir ist Neurowissenschaftler, und ich musste mich eifrig bei ihm entschuldigen, nachdem ich all seine Ratschläge ignoriert habe. Was der realen Erinnerungs-Transmission entspricht, ist der Umstand, wie viel an Erinnerungen und Identität mit dem Körper verbunden ist, hormonellen Reaktionen, landläufigen Erfahrungen und Sinnen wie Riechen oder Hören.

Angenommen, es gäbe die Technologie – würdest du eine Imago-Maschine benutzen?

Würde ich eine Imago-Maschine benutzen? Das sind im Grunde zwei Fragen. Würde ich es mir selbst erlauben, aufgezeichnet und weitergegeben zu werden? Ja, absolut. Wäre ich mit Mitte dreißig gewillt, mein Bewusstsein mit einer lange zurückreichenden Linie anderer zu kombinieren, um eine Fähigkeit zu bewahren oder zu erlangen? Ich weiß es nicht. Es ist eine erschreckende Idee, so viel Individualität für das große Ganze aufzugeben. Ich vermute, es hängt wirklich von der Fähigkeit ab. Und wer die Imago-Maschine nutzen würde. Und wie sehr wir beide diese Dinge bräuchten.

Du arbeitest auch als Stadtplanerin. Was genau machst du in diesem Job?

Derzeit arbeite ich als politische Beraterin für das Energy, Minerals and Natural Resources Department of the State of New Mexico – was nicht ganz Stadtplanung ist, obwohl Stadtplanung eine Rolle spielt. Ich recherchiere viel. Ich lese sehr viele Gesetzestexte – existierende und geplante – und versuche, gründlich über Verbindungen, Muster und Probleme nachzudenken. Im Moment konzentriert sich ein Großteil meiner Arbeit auf die Entkarbonisierung unserer Energie- und Transportsektoren, doch das ist letztlich genauso Stadtplanung wie landesweite Politik: Wie können wir urbane Lebensräume menschenfreundlicher machen, um darin zu leben?

Wie weit ging deine Stadtplanung für die planetare Megacity in „Das Herzen des Imperiums“?

Ich habe keine Karten erstellt. Ich wusste, wo bestimmte Ereignisse in räumlicher Relation zueinander stattfinden würden, doch ich bin keine geborene Künstlerin und hätte große Schwierigkeiten dabei gehabt, sagen wir, eine Karte der U-Bahn zu zeichnen. Das Einzige, was ich selbst zeichnen könnte, ist der Palastkomplex. Aber im Wesentlichen musste ich keine Karte zeichnen, solange ich mich stets damit auseinandersetzte, wie die Stadt als eine Art Organismus funktionieren würde, als ein Zweck und Rahmen für die Menschen, die darin leben.

Die Stadt – das Juwel der Welt, das Herz von Teixcalaan – ist eine Ecumenopolis, eine Weltstadt: Letzten Endes ein Planet, der abseits seiner Ozeane und natürlicher Reserven vollständig urbanisiert wurde. Stadtplaneten sind für mich quintessenzielle Space Opera: Coruscant aus „Star Wars“, zum Beispiel, doch auch alle anderen. Mir gefällt das Visuelle dieser Idee. All die Architektur, ein Planet, der wie ein Juwel glühen würde, leuchtend vor Glas, Metall und Lichtern. Aber Städte sind mehr als ein Anblick: sie sind komplexe, schmutzige Orte, und Städte von der Größe eines Planeten wären komplex bis an die Grenze der Unregierbarkeit.

Genau hier kommen natürlich das von einem Algorithmus gesteuerte U-Bahn-System und andere stadtbeherrschende Algorithmen und künstliche Intelligenzen ins Spiel, die ich für das Juwel der Welt erschaffen habe. Und weil ich Geschichte studiere und weil ich in der Stadtplanung arbeite, wusste ich bereits beim anfänglichen Sinnieren über diese Algorithmen, dass sie voreingenommen sein würden; dass es bei ihnen um die Kontrolle über das Panoptikum ging und darum, Einwohner von Teixcalaan für die polizeilichen und regierenden Kräfte sichtbar zu machen. Denn dazu neigen Algorithmen, da sie von menschlichen Wesen geschrieben werden.

Apropos Menschen. Ich fand diesen gewaltigen „Alien-Effekt“ zwischen zwei verschiedenen menschlichen Kulturen in deinem Kosmos sehr interessant. Ist dir so etwas schon mal selbst auf Reisen passiert?

Ständig, denke ich, in einem gewissen Sinn. Ich habe an vielen Orten gelebt, die nicht mein Zuhause sind – Zuhause, das ist New York City –, und manchmal fühlte ich mich zutiefst fremd – alien – inmitten anderer Menschen. Doch dazu brauchte es keine Reisen. Es genügte, zu existieren.

Was kannst du uns schon über das nächste Buch um das Teixcalaanische Imperium verraten?

Das nächste Buch ist ein direktes Sequel zu „Im Herzen des Imperiums“, auf Englisch wird es „A Desolation Called Peace“ heißen. Ja, ich habe den Titel voll und ganz von Tacitus geklaut. Aber es ist die beste Stelle. Tacticus, der mit der Stimme von Calgacus über Römischen Imperialismus schreibt. Rom schafft eine Wüste und nennt das Frieden. Und die Worte für „Wüste“ und „Verwüstug“ sind mehr oder weniger identisch. Ein verwüsteter Ort. Eine Leere. Das Buch, das ich gerade schreibe, handelt von Unbegreiflichkeit und von unmöglichen Kriegen. Weite Teile der Handlung finden auf einem Teixcalaanischen Schlachtschiff statt. Es gibt interstellaren Postbetrug. Und ein Kätzchen (technisch gesehen verschiedene Kätzchen). Außerdem einen Vielleicht-Genozid, äußerst unkluges Küssen und die übliche Menge politischer Machenschaften. Es ist der zweite Teil von Mahits Geschichte, und ich bin aufgeregt, ihn zu erzählen.

Und wir freuen uns schon sehr aufs Lesen! Danke für das Gespräch.

Arkady Martine: Im Herzen des Imperiums • Aus dem Englischen von Jürgen Langowski • Heyne, München 2019 • 605 Seiten • E-Book: 11,99 Euro (im Shop) • (Leseprobe)

Kommentare

Klasse Interview, danke für den Tipp :)

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