6. Februar 2021 1 Likes

„Nicht jeder Film muss allen gefallen und das ist okay!“

Ein Gespräch mit Jeremy Gardner und Christian Stella, den Machern von „After Midnight“

Lesezeit: 8 min.

Die Allrounder Jeremy Gardner und Christian Stella hatten erstmals 2012 mit ihrem für gerade mal 6000 Dollar produzierten, super-schrägen Offbeat-Zombiefilm „Ben & Mickey vs. The Dead“ für reichlich Furore gesorgt. Die einen waren von diesem charmanten, eigenwilligen Debüt ziemlich begeistert, die anderen fanden den zutiefst entspannten Genre-Mix, in dem die Zombies eigentlich nur Randerscheinungen sind, gähnend langweilig. Dennoch: Gardner und Stella hatten sich einen Namen gemacht, der Film lief auf Festivals weltweit und wurde in zahlreichen Ländern auf dem Homevideomarkt veröffentlicht. Überraschenderweise ließ der Nachfolger (ein Youtube-Spaßprojekt von 2015 sei jetzt mal ausgeklammert) ziemlich lange auf sich warten. Erst 2019 war es im Heimatland soweit und 2020 erreichte „After Midnight“ dann deutsche Gefilde. Die Reaktion war die Gleiche: Die einen waren von diesem charmanten, eigenwilligen Genre-Mix zutiefst begeistert, die anderen fanden auch das zweite Werk gähnend langweilig. Ich war von dem Monsterfilm sehr angetan, aber auch traurig, da der tolle Film im Corona-Wirrwarr etwas untergegangen ist und da war’s natürlich prima, dass sich durch meinen Kollegen Thorsten Hanisch, der den Film hier bereits vorgestellt hatte und zudem an der Homevideo-Veröffentlichung beteiligt war, eine Möglichkeit ergab, die beiden sehr sympathischen Macher auszuquetschen, die wirklich alle Aufmerksamkeit der Welt verdient haben. Es ist wichtig, dass es Filme dieser Art gibt; Filme, die sich querstellen, das Publikum herausfordern – Filme, von Künstlern, die eine Vision haben, einen Schritt nach vorne gehen.

 


Christian Stella (links) und Jeremy Gardner bei den Dreharbeiten von „After Midnight“

Wie seid ihr ins Filmgeschäft gekommen?

Jeremy: Als Teenager haben wir verrückte Filme gemacht und dann haben wir einen ganzen Feature Film über Killer-Plastiktaschen gedreht, mit dem wir bei einem Filmfestival waren. Aber dann wurden wir erwachsen, hatten Jobs und haben keine Zeit mehr gefunden etwas zu machen. Zehn Jahre später bat ich einen Freund um 6000 Dollar, damit ich „Ben & Mickey vs. The Dead“ drehen konnte, und Christian hatte eine Fotokamera mit der man auch filmen konnte.

Angesichts eurer kleinen Filmographie vermuten wir, dass das Filmemachen nicht euer Brot-und-Butter-Job ist. Stimmt das? Dürfen wir fragen was ihr tut, wenn ihr keine Filme macht?

Jeremy: Ich bin Barkeeper in einer Brauerei in Florida.

Christian: Ich bin Fotograf und Kochbuchentwickler. Nach diesem Interview muss ich einen Haufen Fruchtsmoothies fotografieren.

Könnt ihr uns etwas zur Entstehung von „After Midnight“ sagen? Was war die Inspiration? Die Dynamik zwischen Hank und Abby scheint sehr natürlich, sehr realistisch. Basiert der dramatische Teil auf wahren Begebenheiten?

Jeremy: Ja, es war tatsächlich eine sehr persönliche Geschichte für mich. Ich war in einer Langzeitbeziehung und fing an zu realisieren, dass ich das Filmemachen und meine Schauspielziele nicht in dem Maß weiter verfolgte, wie ich dachte, hätte ich nicht versucht einen Status quo in meiner Beziehung zu etablieren, und begann darüber nachzudenken, was ich in einer Geschichte über dieses Framework sagen könnte. Wie Leute etwas – oder viel – aufgeben, um in einer Beziehung zu sein. Und dann dachte ich, was, wenn es gar kein Opfer wäre. Dass eine Person alles aufgibt und die andere es nicht zu merken scheint. Es ist nicht zwangsläufig jemandes Schuld, aber nach einer Weile keimen Ressentiments auf.


Da ist noch alles gut. Brea Grant und Jeremy Gardner in „After Midnight“

Jeremy, du bist ein sehr guter Schauspieler! Die 14-Minuten-Szene mit Brea Grant (sie ist natürlich auch atemberaubend) ist faszinierend und definitiv eine der am besten gespielten Szenen, die wir in den letzten Jahren gesehen haben. War es nicht schwierig? Wie lange hat es gedauert bis alles im Kasten war?

Jeremy: Danke! Ich habe einen Theaterbackground und wir wussten, dass wir die Szene ein wenig wie eine Bühnenshow spielen wollten. Ich fühlte mich mit Brea, die keinen Theaterbackground hatte, wohl. Als sie für den Film vorsprach, hatte sie die ganze Szene auswendig gelernt, ohne dass wir sie darum gebeten hatten, und sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Es war der 12. oder 13. Take im Film.

Christian: Ich hatte die Kamera aufgebaut, bin mit der ganzen Crew während des Drehs im Hinterhof geblieben und Jeremy und Brea konnten die Szene komplett alleine spielen. Diese Szene zu drehen hat eine ganze Nacht gedauert aber ich denke wir habe früh aufgehört, weil wir nicht mehr aus anderen Winkeln drehen mussten, sobald wir wussten, dass sie es in einem Shot geschafft hatten.

Warum habt ihr euch in für ein kleines gruseliges Monster in einer Geschichte über eine Beziehungskrise entschieden?

Jeremy: Ich habe keinen besonders organisierten Schreibprozess. Die Geschichten kommen langsam zu mir und beginnen mit Bildern und Themen die mich interessieren. Ich wollte immer meine besondere Version einer klassischen Horrorgeschichte machen (Vampire, Werwölfe, Zombies, Monster, etc). Ich hatte angefangen das Bild einer Couch vor einer Tür zu sehen und begann zu denken, dass auf der anderen Seite ein Monster sei. Dann fing ich an das Bild mit meinen Gedanken über Beziehung und Kompromiss zu verbinden.

Woher hattest du die Idee, dass jemand – wie Hanks Freund – den Siff aus einer Barmatte trinkt?

Jeremy: Ich bin seit fast 15 Jahren Barkeeper. Das ist etwas dass man mehr als einmal sieht, wenn man längere Zeit von Alkohol und Alkoholikern umgeben ist.


Sie ist weg, das Monster steht vor der Tür. Jeremy Gardner in „After Midnight“

Das Monster ist ziemlich altmodisch mit einem Schauspieler in einem Kostüm produziert. Könnte es sein, dass ihr Fans alter Monsterfilme seid? Wenn ja, welche Monster beeinflussten euer Monster? Und welche Filme sind eure liebsten Monsterfilme?

Christian: Wir wussten, dass wir ein praktisches Monster wollten und wir hatten Glück Todd Masters‘ Studio MastersFX an Bord zu haben um das Monster zu machen. Sie haben die Dämonen in „Ritter der Dämonen“ (1995) gemacht, der einer von Jeremys liebsten Filmen ist und einer der großartigen Filme der 90er bevor sich CGI-Effekte endgültig durchgesetzt hatten.

Jeremy: Das Monster selbst war durch die Natur inspiriert. Ich schickte ihnen Bilder von Pavianen und anderen Tieren, die im wahren Leben Furcht erregend sind und lies sie etwas kreieren, das theoretisch unentdeckt existieren könnte.

Denkt ihr an das Publikum, wenn ihr an neuen Projekten arbeitet? Uns ist aufgefallen, dass es sich mit „After Midnight“ und „Ben & Mickey vs. The Dead“ verhält: An beiden Filmen scheiden sich die Geister, da es für Horrorfans nicht genug Horror ist und für Dramafans zu viel Horror. Welches Feedback habt ihr für letzteren bekommen?

Christian: Unsere Filme teilen das Publikum definitiv. Aber ich finde, die meisten Filme die mir gefallen, tun das. Es gibt Leute, die unsere Arbeit hassen und jene, die sie wirklich, wirklich lieben. Wir könnten ein paar Dinge ändern, aber dann würden alle nur sagen, dass der Film „okay“ war. Es ist mir lieber unsere Filme finden ihren Weg zu den Leuten, die sie mögen und werden von denen die sie nicht mögen übersprungen. Nicht jeder Film muss allen gefallen und das ist okay!

Die Geschichte spielt irgendwo im Nirgendwo. Könnt ihr uns etwas zu den Herausforderungen in Bezug auf das Equipment sagen, die Außenaufnahmen dieser Art mit sich bringen?

Jeremy: Ich schätze der Großteil der Crew würde die Schlangen nennen. Aber ich habe so viele eingefangen wie ich konnte.

Christian: Die Käfer und die Hitze in Florida waren das größte Problem. Vor allem die Moskitos. Das Haus war so alt, dass es weder Strom noch fließend Wasser gab. Also mussten die ganzen Lampen von einem gigantischen Generator betrieben werden. Wir mussten die Lampen ständig neu verkabeln um die riesigen Kabel aus der Aufnahme zu bekommen. Das ist unser dritter Film und es ist der dritte bei dem wir keinen Strom oder Wasser hatten und wir haben uns irgendwie daran gewöhnt.

Wie lange hat es gedauert um den perfekten Ort zu finden und wie habt ihr ihn gefunden?

Christian: Ich glaube wir sind drei Tage lang mit unserem Produzenten Dave Lawson durch Florida gefahren. Wir konnten nichts finden, aber wir wussten von diesem Haus, das am Schluss von „Away We Go – Auf nach Irgendwo“ (2009) genutzt wurde. Wir gingen um das Grundstück und ließen eine Notiz im Briefkasten. Es war wirklich perfekt, da es sogar einen toten Orangenhain hatte, der genau so im Skript stand. Der Nachteil war, dass wir das Haus vor dem Dreh einen Monat lang putzen und einrichten mussten.


Gesprächsbedarf. Brea Grant und Jeremy Gardner in „After Midnight“

Abschließend würden wir gerne etwas abschweifen: Obwohl wir hier in Deutschland auch „Ben & Mickey vs. The Dead“ kennen, stellten wir überrascht fest, dass zwischen Ben & Mickey vs. The Dead“ und „After Midnight“ ein weiterer Film produziert wurde: „Tex Montana Will Survive!“, der 2015 auf Youtube veröffentlicht wurde. Wir sind uns sicher, dass eure deutschen Fans gerne mehr darüber erfahren wollen…

Nach wie vielen Episoden „Bear Grylls“ oder ähnlichen Survival-Shows hattet ihr die Idee zu “Texas Montana Will Survive!“ ? Verratet ihr uns mehr zum Ursprung des Films?

Christian: „Text Montana“ begann mit einem Streit zwischen Jeremy und mir, weil ich sagte ich würde nie einen Reality-Horrorfilm drehen. Dann schlug Jeremy vor, der Moderator der Survival-Show solle allein im Wald sein. Ich sah mir einige Folgen von „Survivorman“ mit Les Stroud an und wusste, dass das ein Reality-Horrorfilm war, den ich drehen könnte… weil er alleine dreht, aber gute Kameras aufbaut und sicherstellt gute Aufnahmen zu bekommen. Es ist nicht nur wackeliges Handkamera-Zeug wie in allen anderen Reality-Horrorfilmen. Sobald ich wusste ich darf schöne Aufnahmen machen, war ich dabei.

Jeremy: Es war ursprünglich als Horrorfilm geplant. Aber uns fiel nichts ein, das Tex in den Wäldern jagen könnte. Also machten wir seine mangelnden Fähigkeiten zu überleben zu dem Hindernis, das er überwinden musste. Natürlich wurde dann es Komödie.

„Tex Montana Will Survive!“ erscheint uns auch ein wenig als kritischer Film über unsere so genannte zivilisierte Welt. Könnt ihr euch vorstellen mehr Filme in komisch dokumentarischer Manier zu machen?

Jeremy: Wir würden sehr gerne wieder etwas wie „Tex Montana“ machen. Wir haben ihn ohne Skript, mit $1,500 in fünf Tagen, mit sechs Leuten inklusive des Komponisten gedreht. Es brauchte Jahre nach „Ben & Mickey vs. The Dead“ bis wir die Finanzierung für „After Midnight“ hatten.

Habt ihr jemals an einem Überlebenstraining teilgenommen oder möchtet es?

Jeremy: Ich bin in Florida aufgewachsen. Zählt das als Überlebenstraining?

Könnt Ihr schon was euren Zukunftsplänen verraten?

Jeremy: Ich schreibe einen Alien-Film über abwesende Väter und spiele auch mit meiner Version einer Vampir-Geschichte.

Christian: Ich schreibe eine Liebesgeschichte über eine Tonfrequenz in den Köpfen der Leute.


Dieses Interview erschien zuerst in „Phantastisch!“ Nr. 81

Eine letzte Frage möchten wir stellen: Was sind eure Lieblingsfilme? Könnt ihr eurem deutschen Publikum eine paar Tipps geben?

Christian: Es ist kein Horrorfilm, aber mein Lieblingsfilm ist Paul Thomas Anderson`s „Magnolia“ (1999). Die letzte Aufnahme in „After Midnight“ ist eine kleine Homage an die letzte Aufnahme in dem Film.

Jeremy: Ich mag viele der offensichtlichen Filme. „Der weiße Hai“ (1975) ist mein Lieblingsfilm. „Tremors – Im Land der Raketenwürmer“ (1990), „Dogtooth“ (2009), „Under the Skin“ (2013), „Almost Famous“ (2009) „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982). Das ist nur eine zufällige Auswahl. Ich bin besessen von Kevin Costners Golf-Film „Tin Cup“ (1996). Ich denke es ist ein seltsames, albernes Meisterwerk. Ich denke Filmemacher wie Jeff Nichols and Jim Mickle produzieren das authentischste, schmierigste, amerikanische, melodramatische Zeug. Zu viel um es zu benennen.

Vielen Dank, Jeremy und Christian, für das Gespräch!

Kommentare

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.
Sie benötigen einen Webbrowser mit aktiviertem JavaScript um alle Features dieser Seite nutzen zu können.