„Kohlenstoff – Das verkannte Element“
Ein spannendes, aktivistisches Buch, das die Ganzheitlichkeit des Kosmos betont
Als Entdeckungsreise zur Quelle unseres Lebens wird das neue Buch des amerikanischen Umweltschützers Paul Hawken beschrieben, was man durchaus wörtlich nehmen sollte. Der Bogen, den Hawken aufmacht, ist breit und umfassend, universell und ganzheitlich könnte man auch sagen, und dreht sich um nicht weniger als das gesamte Leben auf der Erde, womit dezidiert nicht nur das menschliche Leben gemeint ist, sondern vor allem auch die Natur, Tiere und Pflanzen, Pilze und Viren.
Wer beim Titel „Kohlenstoff – Das verkannte Element“ (im Shop) also eine intensive Studie zu diesem chemischen Element erwartet oder vielleicht sogar erhofft hat, könnte enttäuscht werden. Kohlenstoff, eines der essentiellen Elemente allen Lebens, dient Hawken als sehr loser roter Faden, zu dem er immer wieder zurückkehrt, von dem er sich aber auch immer wieder weit entfernt.
So geht er im Kapitel „Sprachgebrauch“ genau darauf ein: Den Gebrauch von Sprache, nicht zuletzt der heutigen Universalsprache Englisch, deren Defizite Hawken aufzeigt, denn im Gegensatz zu manchen Sprachen, die von indigenen Völkern (und damit oft nur einigen hundert Menschen) verwendet werden, mangelt es dem Englischen an Möglichkeiten, Naturphänomene präzise zu beschreiben.
Was das mit Kohlenstoff zu tun hat, mag man sich fragen, doch wie gesagt: Hawkens Ansatz ist ein ganzheitlicher, der nicht umsonst an James Lovelocks Gaia-Hypothese erinnert, mit der ein Blick auf die Welt postuliert wurde, der nicht zwischen Mensch, Tier und Natur unterschied, sondern alle und alles als subtil verbundene Teile eines organischen Ganzen betrachtete.
Hier kommt bei Hawken der Kohlenstoff ins Spiel, ein Element, ohne das nichts existieren würde, das also Teil von allem ist. Und um dieses Ganze ist der Umweltschützer Paul Hawken besorgt, beschreibt auf bisweilen etwas zu apokalyptische Weise Umweltzerstörung, Missbrauch an Ökosystemen, das Profitdenken von globalen Konzernen und manch anderes.

Vielleicht ist es aber doch der richtige Ton, auch wenn Verzweiflung sicher nicht der geeignete Ansatz ist, um die Menschen zum Umdenken anzuregen, zur Änderung ihrer Verhaltensweisen, was am Ende Hawkens Intention ist. So beschreibt er etwa, wie indigene Völker nicht von der Natur gelebt haben, sondern mit der Natur, wie sie in gewisser Weise auf die Natur gehört, mit ihr kommuniziert, sie wie ein Lebewesen betrachtet haben, mit dem nicht rücksichtslos umgegangen werden sollte, so wie wir es heutzutage meist tun, sondern mit dem man im Einklang leben sollte.
Auch wenn sich das ein wenig esoterisch anhört, viele wissenschaftliche Belege führt Hawken an, die andeuten, dass es sich auch bei Pflanzen oder Pilzen keineswegs nur um passive Gewächse handelt, sondern um erstaunlich vielschichtige Organismen, die wir gerade erst zu verstehen beginnen. Wie verzweigt etwa die Geflechte von Pilzen unter der Oberfläche sind, ist in den letzten Jahren vielfach gezeigt worden. Noch seltsamer und faszinierend mutet dagegen das Phänomen des Masting an, auf Deutsch oft Mastjahr bezeichnet: Manche Baumart produzieren dabei über mehrere Jahre wenig Früchte, um dann dann in einem Jahr eine besonders hohe Menge an Samen abzuwerfen und zwar auf offenbar synchronisierte Weise. Doch wie die Bäume dies quasi koordinieren ist der Wissenschaft (noch) ein Rätsel. Wie gesagt: Der Bogen, den Paul Hawken mit „Kohlenstoff“ schlägt ist breit und wuchernd, aber gerade deswegen so lesenswert.
Paul Hawken: Kohlenstoff – Das verkannte Element • Sachbuch • Aus dem Englischen von Jochen Winter • 272 Seiten • Erhältlich als Hardcover und eBook • Preis des Hardcovers: € 25,00 • im Shop
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