16. September 2019 1 Likes

Warum der Techlash keine Sekunde zu früh kommt

Dauerbrenner Technologiekritik: Wenn wir nichts Besseres verlangen, kriegen wir auch nichts Besseres

Lesezeit: 6 min.

Der Techlash ist endlich da – und die zunehmende Technologieskepsis kommt keine Sekunde zu früh. Ich habe mich seit meinen Anfängen als Programmierer und Aktivist 1988 gegen schlechte und für gute Gesetze eingesetzt. Ich habe von den Versprechungen der Technologie geträumt und ihre Gefahren kennengelernt. Je nachdem, wen Sie fragen, war ich entweder ein blauäugiger Idealist, der den Technologiegiganten jeden noch so üblen Exzess durchgehen ließ, oder ein pessimistischer Spielverderber, der unmögliche Maßstäbe anlegte und den kleinen Schwächen unserer ansonsten so wunderbaren Technologiezukunft gegenüber wenig tolerant war.

Dabei existiert dieser Gegensatz überhaupt nicht. Man muss weder für noch gegen Technologie sein. Genau genommen ist eine „anti-technologische“ Haltung völlig unrealistisch. Die Zukunft wird zwangsläufig ein Mehr an Technologie mit sich bringen. Die Frage lautet also nicht: Sollen wir Technologien überhaupt verwenden? Sondern: Welche Technologien sollen wir verwenden? Und genau das ist das Thema der Diskussion, auf die ich schon seit Jahrzehnten warte: Welche Technologien sollen wir einsetzen? Hier kommt die Science-Fiction ins Spiel, denn sie besitzt eine Fähigkeit, die diesen Diskurs fruchtbar machen kann: Sie ist in der Lage, eine Technologie losgelöst von ihren sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhängen zu betrachten. Das tun Science-Fiction-Autoren gewohnheitsmäßig und Technokraten nur mit Widerwillen.

Wenn man Facebook Glauben schenken will, ist es unmöglich, mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben, ohne seine Onlineaktivitäten umfassend und rund um die Uhr überwachen zu lassen. Apple behauptet, dass ein Handy nur dann funktionieren kann, wenn man einen Multimilliardendollarkonzern darüber entscheiden lässt, wer es reparieren und welche Software darauf laufen darf. Und Google schließlich beharrt darauf, dass man im Netz nur dann etwas suchen kann, wenn man sich im Gegenzug dabei ausspionieren lässt. Dieser irrige „Pro/Contra-Technologie“-Gegensatz geht von der falschen Annahme aus, dass die Technologiegegner nicht mit ihren Freunden reden, mit dem Handy telefonieren oder etwas im Internet suchen und uns davon überzeugen wollen, ebenfalls auf diese Dinge zu verzichten. Dies wiederum lässt den sogenannten Technologiebefürwortern keine andere Wahl als zu behaupten, dass der Verzicht auf Privatsphäre ein geringer Preis für die Vorteile der Mobilgerätnutzung ist. Die Science-Fiction-Autoren hingegen versuchen es mit der Gegenprobe: Wie können wir unser Sozialleben aufrechterhalten oder etwas im Internet suchen, ohne gleichzeitig ausspioniert zu werden? Mit welchen Mitteln können wir online kommunizieren, ohne dabei unsere Rechte aufzugeben?

Diese Fragen müssen wir uns stellen, da die dramatischen technologischen Revolutionen unserer Zeit von ebenso dramatischen wirtschaftlichen Veränderungen begleitet werden. Der Aufstieg des neoliberalen Kapitalismus, der durch schwindende staatliche Regulierung, Globalisierung und die Auffassung, dass eine Firma zuallererst und unter allen Umständen zur Gewinnmaximierung verpflichtet ist, gekennzeichnet ist, fiel mit dem Aufstieg der Technologiegiganten zusammen. Diese Tech-Konzerne überstanden mehrere Spekulationsblasen, finanziert durch die beständig fließenden, unvorstellbar großen Summen des Risikokapitalmarkts und nicht zuletzt durch professionelle Geldwäscher, denen jedes Mittel – sogar Kryptowährungen – recht ist, um ihr Kapital am Finanzamt vorbeizuschleusen. Noch gibt es keine Antwort auf die Frage, wie die Technologie einer postkapitalistischen, nicht-kapitalistischen oder staatlich regulierten Volkswirtschaft aussehen könnte. Zu postulieren, dass so etwas grundsätzlich unmöglich sei, ist natürlich reiner Eigennutz: Wenn man gerade für eine bestimmte Technologie Millionen an Investorengeldern in der Hoffnung eingestrichen hat, selbst bald reich zu werden, verschafft einem die Behauptung, dass das dieser Technologie inhärente Profitstreben eine bedauerliche Notwendigkeit ist, immerhin den Anschein von Ehrenhaftigkeit.

Technologie war immer ein selbstverständlicher Begleiter des Menschen. Schon die ersten Hominiden entwickelten und nutzten alle möglichen technologischen Errungenschaften, unabhängig vom vorherrschenden Wirtschaftssystem. Räder und Flaschenzüge, Autos und Raketen, Herzschrittmacher und Impfstoffe wurden unter völlig unterschiedlichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen hergestellt. Es gibt also keinen Beleg für die Behauptung, dass Technologie und Neoliberalismus zwangsläufig Hand in Hand gehen müssen – egal, ob sie von links oder von rechts kommt. Eine Technologiekritik, die sich nicht auf die Technologie selbst, sondern auf die jeweiligen ökonomischen Bedingungen konzentriert, führt zu interessanten Schlussfolgerungen. Beispielsweise ist es momentan in Mode, die Werbung als Sündenfall des Onlinejournalismus zu verteufeln. Sobald es zur Norm wurde, die Früchte geistiger Arbeit umsonst zu genießen – schließlich wurden die Urheber durch unsere Aufmerksamkeit bezahlt, da wir uns ja die Werbeanzeigen anschauen –, geriet die Lawine ins Rollen, die schließlich zu Clickbait, gesellschaftlicher Polarisierung und übergriffigen, alles überwachenden Datenkraken führte: „Wer nicht für das Produkt bezahlt, wird selbst zum Produkt.“ Wenn wir die Online-Werbebranche nicht als von dieser „Aufmerksamkeitsökonomie“, sondern von den Bedingungen des Marktes abhängig begreifen, stellt sich die Sache ganz anders dar: Der freie Markt hat zu einer unvorstellbaren Konsolidierung in allen Bereichen der Wirtschaft geführt. Immer weniger Werbetreibende kontrollieren die Branche, immer mehr Geld fließt durch immer weniger Hände. In den USA bedeutet dies in Kombination mit den laxen Antikartellgesetzen, dass manche Firmen Druck auf die Online-Verleger ausüben und bestimmen können, wer welche Inhalte zu sehen bekommt. Die „Sündenfall Werbung“-Theorie besagt, dass wir heute in einer Onlinewelt leben könnten, in der Journalisten und Künstler gerecht bezahlt würden, hätte es damals schon eine technologisch ausgereifte Form der Mikrotransaktion gegeben. Doch stattdessen herrscht massive Ungleichheit, sodass die Kommerzialisierung von Kultur und Diskurs weite Teile der Bevölkerung von der öffentlichen Diskussion ausschließt.

Wenn wir das Internetzeitalter jedoch unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachten, verlieren so einfache Erklärungen wie „Craigslist hat die Zeitungen in den Ruin getrieben, und daran ging die Demokratie zugrunde“ ihre Gültigkeit. Wirtschaftlich betrachtet sind die Dinge viel komplexer: Reagan hat die Märkte liberalisiert und die Kartellbehörden entmachtet, woraufhin Kapitalbeteiligungsgesellschaften die Zeitungen aufkauften und diese durch Personaleinsparungen im redaktionellen Bereich und die Zentralisierung des Anzeigenverkaufs schwächten. Als Craigslist auf der Bildfläche erschien, waren die Zeitungen bereits kaputtgespart und verfügten nicht mehr über die Mittel, sich der digitalen Zukunft zu stellen. Daran gingen sie zugrunde. Die Nachrichtenbranche hat viele technologische Revolutionen, vom Telegrafen bis zum Fernsehen, gemeistert. Diesmal befinden wir uns jedoch in der historisch einmaligen Situation einer kompletten Deregulierung. Heute kann eine einzige Investorengruppe das Monopol auf ein bestimmtes Medium erringen oder große Teile der landesweiten Medien kontrollieren.

Konzerne – juristische Personen – sind wie Kolonien bildende Lebewesen, die uns als Darmflora benutzen, mit unserer Hilfe gedeihen und sich vermehren und uns entweder fallenlassen oder vernichten, wenn wir unsere Schuldigkeit getan haben. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen den Darmbakterien, die in diesem Augenblick Ihre Eingeweide bevölkern, und uns metaphorischer Darmflora in den Eingeweiden der Blue Chips: Wir sind Menschen und können durch moralische Überlegungen beeinflusst werden.

Leider neigt der Techlash dazu, die frühen Internetpioniere zu Sündenböcken zu machen, weil sie unser Leben durch den Einsatz von Technologie verbessern wollten. Diese Pioniere – viele aus derselben Generation wie ich – hätten angeblich die Gefahren ihrer Technologie für die Privatsphäre, den öffentlichen Diskurs und die Menschenrechte dramatisch unterschätzt. Doch in Wahrheit waren sich die frühen „Techno-Utopisten“ dieser Risiken sehr wohl bewusst. Wären sie wirklich davon überzeugt gewesen, dass alles ein gutes Ende nimmt, hätten sie wohl kaum Organisationen wie die Electronic Frontier Foundation oder die Free Software Foundation gegründet. Sie begriffen das segensreiche Potenzial der Technologie, schlossen aber auch nicht aus, dass alles den Bach runtergehen könnte. Das Motto dieser Pioniere lautete nicht: „Alles wird gut“, sondern „Alles wird gut – wenn wir es nicht vermasseln.“

Die Menschen hinter der Technologie – diejenigen, die dafür sorgen, dass bei Google, Facebook, Apple und Amazon das Licht nicht ausgeht – sind keine Darmbakterien. Sie sind menschliche Wesen mit einem freien Willen und daher empfänglich für moralische Appelle. Sie sind in der Lage, eine Zukunft mit den vielen Vorzügen unserer Technologien zu erschaffen – ohne die Schattenseiten. Immerhin leiden sie genauso wie wir unter diesen Schattenseiten. Die Menschen, aus denen ein Konzern letztendlich besteht, sind zu Mitleid und Solidarität fähig, man kann sie erreichen und mit ihnen diskutieren und sie auf seine Seite ziehen, so unwahrscheinlich das auch klingen mag.

Die Technologien, über die wir heute verfügen, können unser Leben verbessern, sie können uns ein höheres Maß an Kontrolle und Privatsphäre verschaffen – aber nur, wenn wir dafür sorgen, dass sie diese Verheißungen auch erfüllen. Und dafür brauchen wir die Leute, die sich mit diesen Technologien auskennen, weil niemand sonst auf dieser Welt weiß, wie der Weg zu einer besseren Zukunft aussehen könnte.

 

Cory Doctorow ist Schriftsteller, Journalist und Internet-Ikone. Mit seinem Blog, seinen öffentlichen Auftritten und seinen Büchern hat er weltweit Berühmtheit erlangt. Sein Roman „Walkaway“ ist im Shop erhältlich. Im Mai diesen Jahres erschien bei Heyne seine Novelle „Wie man einen Toaster überlistet“ (im Shop).

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