25. März 2019

Techlash vs. Technoutopie

Warum wir die digitale Welt unbedingt demokratisieren müssen

Lesezeit: 8 min.

Früher galt Technologiepolitik als lächerliche Disziplin, eine Science-Fiction-Masturbationsfantasie, einhergehend mit einer hoffnungslosen Überschätzung der Bedeutung der Gesetze, die das Internet und die damit verbundenen Computer betreffen.

Seltsamerweise wurden alle, die sich mit solchen Dingen beschäftigten, als „Technoutopisten“ bezeichnet. Allerdings kommt mir jemand, der beständig davor warnt, dass selektives Routing, proprietäre Software und Dateiformate sowie versteckte Zugriffsmöglichkeiten für Regierungsbehörden in eine Ära des Netzwerktotalitarismus führen, nicht gerade wie ein Utopist vor. Die Cyberpolitk-Experten mögen sich vielleicht nicht einig darüber sein, wie wir zukünftig mit unseren Technologien umgehen sollten, doch seit den Anfangstagen des Internets herrscht mehr oder weniger Konsens darüber, was die Zukunft nicht bringen sollte: nämlich eine hochtechnologisierte Autokratie, in der korrupte, allwissende Regierungen das Mikromanagement der Weltbevölkerung riesigen, monopolistischen Konzernen übertragen.

Und damit wären wir beim sogenannten „Techlash“: Nach Brexit, Trump und dem Equifax-Datendiebstahl interessieren sich plötzlich eine Menge Leute für die Regeln, die für Benutzer, Firmen und Fachleute gelten.

Ich bin sehr froh, dass es endlich zu diesem Wendepunkt gekommen ist. Mit der Technologiepolitik verhält es sich wie mit dem Klimawandel: Mit jedem Jahr der Untätigkeit wird der Schaden größer (beispielsweise durch ungesicherte Systeme, die hochsensible Daten verarbeiten und Apparate, Sensoren und Maschinen steuern, die uns verletzen oder gar töten können). Wir nähern uns einem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt – doch andererseits hat auch die Gleichgültigkeit ihren Zenit überschritten, und angesichts der vielen spektakulären Skandale steigt die Zahl der Menschen, die etwas unternehmen wollen, ganz von selbst.

Leider reicht es nicht, irgendetwas zu tun. Wir müssen das Richtige tun. Doch wir sind auf dem völlig falschen Weg.

Wenn es um Technologie geht, bin ich nur in einer Hinsicht Utopist: Je mehr Sie über die Technologie in Ihrem Alltag Bescheid wissen, desto effektiver können Sie sie zu Ihrem Vorteil nutzen und desto schwerer wird es für andere, sie gegen Sie einzusetzen. Je demokratischer die Gesellschaft der Zukunft ist, desto mehr Zugang hat jeder zu dem Wissen und den Werkzeugen, um die Alltagstechnologie seinen Bedürfnissen anzupassen. Selbst wenn Sie diese Möglichkeiten nicht nutzen, werden Sie dennoch davon profitieren, da sich Millionen andere Menschen die Zeit nehmen und sich die Fähigkeiten aneignen, die nötig sind, um Ihre Welt nach Ihren Vorstellungen zu gestalten.

Dieses Prinzip ist das Fundament der technologischen Liberalisierung. Entwicklungen wie Freie und Open-Source-Software, offene Netze und Netzneutralität, Codecamps und Unterricht in MINT-Fächern, Barrierefreiheit, Wikipedia und die Dezentralisierungsbewegung sind aus der Überzeugung heraus entstanden, dass die Menschen aktiv an der Gestaltung ihrer Technologie teilhaben sollen. Der Idealzustand wäre also, dass die Menschen selbst entscheiden, wie sie ihre Technologie verwenden. Selbstverständlich ist der Mensch fehlbar – aber Konzerne auch. Wenn jedoch ein Konzern eine richtige Entscheidung trifft, neigen die Menschen dazu, dies als gegeben hinzunehmen. Und das ist ein gewaltiger Trugschluss. Seit Jahrzehnten wird vor Interoperabilität, Konkurrenzdenken, Monopolismus, Lock-in und den vielen anderen Übeln gewarnt, die dem Nutzer die Macht entreißen und sie in die Hände der Konzerne und Regierungen legen. Doch diejenigen, die diese Warnungen stets in den Wind schlugen, tun heute so, als wäre der Monopolismus eine zwar bedauerliche, aber unvermeidliche Tatsache.

Die „Technoutopisten“ träumten einst von einer Welt, in der jeder die Geräte und Programmcodes, mit denen er zu tun hat, auch vollständig beherrscht. Sie hatten große Bedenken gegen Betriebssysteme, Geräte und Netzwerke mit neurotischem Kontrollzwang. Und doch wurden genau diese Entwicklungen von den Regierungen wissentlich ignoriert (wenn nicht sogar gefördert).

Der Skandal um Cambridge Analytica, der Niedergang des Zeitungswesens und Auswüchse wie Menschenhandel über das Internet haben viele auf die Barrikaden getrieben. Aber der Monopolismus wird durch den Techlash nicht infrage gestellt.

Hier fehlt die Einsicht, dass Facebooks Einfluss Cambridge Analytica erst ermöglicht hat; dass Facebook und Google durch ihre schiere Größe den Markt für Onlinewerbung (und den damit einhergehenden Überwachungsmaßnahmen) kontrollieren; dass Apple und Twitter so mächtig sind, dass sie den Staaten ihnen genehme Steuer- und Haftbarkeitsgesetze diktieren können.

Stattdessen scheint es damit getan, Big Tech ein bisschen auf die Finger zu klopfen. Initiativen wie den SESTA/FOSTA Act (ein Gesetzespaket, das theoretisch zur Bekämpfung der Zwangsprostitution in den USA gedacht ist) oder die Urheberrechtsreform der EU (die jeden, der ein Forum für öffentliche Diskussionen bereitstellen will, dazu zwingt, Millionen in Upload-Filter zu investieren, die die Veröffentlichung potenziell gesetzeswidriger Inhalte verhindern sollen) können Big-Tech-Konzerne leicht umsetzen, ihre kleineren Mitbewerber jedoch nicht. Google, Twitter und Facebook verfügen über die Abermillionen, die nötig sind, um dem EU-Urheberrecht zu entsprechen. Firmen, die ihnen in Zukunft gefährlich werden könnten, nicht.

So sorgen die Kritiker von Big Tech paradoxerweise dafür, dass die Monopolstellung der großen Konzerne auf absehbare Zeit erhalten bleibt. Wer ein Monopol innehat, will naturgemäß jede Regulierung des Marktes verhindern. Wenn ihm das nicht gelingt, wird er sich für eine starke Regulierung einsetzen – insbesondere eine Regulierung, die für die Mitbewerber einen existenzbedrohenden Wettbewerbsnachteil darstellt. Heutzutage gibt Big Tech Hunderte Millionen Dollar aus, um potenzielle Konkurrenten entweder aufzukaufen oder in den Ruin zu treiben. Da ist es natürlich einfacher, mit dem Geld gesetzliche Vorgaben zu erfüllen, wenn der Staat im Gegenzug die lästige Aufgabe übernimmt, zukünftige Rivalen bereits im Keim zu ersticken.

Die Vision der „Technoutopisten“ ist eine demokratische: Jeder kann dazu beitragen, die Zukunft zu gestalten, indem er die Systeme um sich herum nach seinen Bedürfnissen reorganisiert und rekonfiguriert. Der Techlash dagegen strebt eine konstitutionelle Monarchie an, in der wir es als gottgegeben hinnehmen, dass Konzerngiganten wie Google, Amazon, Facebook und Apple über unsere Technik bestimmen, und glauben, einzig die Aristokratie – also die Technokraten der Regulierungsbehörden – hätte die Macht, diesen Monarchen (in bescheidenem Umfang) ihre Grenzen aufzuzeigen.

Konstitutionelle Monarchien sind Schwachsinn. Big Tech regiert nicht von Gottesgnaden. Die Konzerne haben die Welt nicht dadurch erobert, indem sie besser als die anderen waren, sondern durch maßlose Habgier. Und diejenigen, die sie eigentlich regulieren sollten, haben zugelassen, dass sie durch aggressives Dumping und aggressive Übernahmen, durch Steuerhinterziehung, Haftungsverlagerung und viele weitere Maßnahmen zu unvorstellbarer Größe heranwuchsen.

Selbst wenn es dem Techlash gelingen sollte, den Konzernen kostspielige Zugeständnisse abzuringen, ist diese vermeintliche Zähmung der Giganten noch lange kein Grund zum Feiern. Wenn Sie heute schon glauben, dass Amazon und Co. unkontrollierbar sind, dann stellen Sie sich die Situation im Jahr 2028 vor, wenn die Konzerne Gelegenheit hatten, ihre Mitbewerber durch für sie günstige Gesetze aus dem Weg zu räumen, ein Vielfaches ihres gegenwärtigen Kapitals anzuhäufen und in jeden Bereich unseres Lebens einzudringen. Sobald sie einmal diese Größenordnung erlangt haben, werden die Big-Tech-Firmen nicht mehr zu kontrollieren sein (alle, die sie regulieren könnten, weil sie mit ihrer Arbeitsweise vertraut sind, werden dann längst für besagte Konzerne arbeiten).

Die konstitutionelle Monarchie ist die Feindin der Demokratie. Nehmen wir Facebook: Das Material, das dieser Konzern über Milliarden von Menschen zusammengetragen hat, wurde für Verbrechen wie Völkermord, Verfolgung, Betrug, Pogrome, Schikanierung und vieles andere missbraucht. In einer idealen Welt würden wir Facebook gesetzlich vorschreiben, welche Daten es sammeln und was es damit tun darf – und dann diese Gesetze auch durchsetzen, um die Rechte einzelner Personen und bestimmter Gruppen zu wahren.

Doch die Realität sieht anders aus. Cambridge Analytica konnte durch die äußerst laxen Facebook-Richtlinien auf die Datensätze aller Kontakte derjenigen zugreifen, die sich eine bestimmte App hatten aufschwatzen lassen. Selbstverständlich behauptete Facebook danach, die Richtlinien entsprechend verschärft zu haben, aber es vergeht kaum eine Woche, ohne dass eine weitere Ausnahme bekannt würde, die Facebook für einen „strategischen Partner“ - zu denen übrigens auch vom russischen Staat kontrollierte Internetdienstleister oder chinesische Handyhersteller zählen – gemacht hat.

Ein Gesetz, das Facebook verbietet, solche Informationen weiterzugeben, ist nicht genug. Wir müssen außerdem in der Lage sein, Facebook zu überprüfen (um uns zu vergewissern, dass unsere Daten nicht bei Dritten landen), Facebook anzulügen (also mit falschen Daten zu versorgen, damit wir nicht so leicht klassifiziert und manipuliert werden können) und Facebook zu blockieren (damit es ohne unsere Zustimmung keine Daten über uns sammeln darf).

Dies alles ist in den Nutzungsbedingungen von Facebook allerdings untersagt, und wenn Unternehmen wie etwa Power Ventures Programme entwickeln, die Facebooks Einfluss begrenzen, geht der Konzern sofort gerichtlich dagegen vor. Facebook darf uns also ganz legal ausspionieren – nicht zuletzt durch den sogenannten Computer Fraud and Abuse Act von 1986, ein Gesetz, das diesen Nutzungsbedingungen Rechtsgültigkeit zubilligt, sodass alle, die dagegen verstoßen, strafrechtlich verfolgt werden können.

Im Fall Sandvig gegen Sessions klagte vor nicht allzu langer Zeit ein von der ACLU (der Amerikanischen Bürgerrechtsunion) vertretener Zusammenschluss aus Nachrichtenagenturen und Forschungsorganisationen das Recht ein, zu Recherche- und Dokumentationszwecken gegen die Nutzungsbedingungen von Facebook verstoßen zu dürfen. Ende März 2018 gab der Richter den Klägern recht. An der Reaktion auf dieses Urteil lässt sich deutlich der Unterschied zwischen Technoutopisten und dem Techlash festmachen. Die Technoutopisten begrüßten die Entscheidung des Gerichts als die Gelegenheit, den Systemen, denen wir uns ausgeliefert haben, einer unabhängigen Prüfung und Bewertung zu unterziehen. Der Techlash dagegen witterte Gefahr: Das nächste Cambridge Analytica darf mit richterlichem Segen und ungestraft gegen Facebooks Nutzungsbedingungen verstoßen.

Dieser Einwand ist nicht so dämlich, wie er zunächst klingt. Es wäre durchaus vorstellbar, den von der ACLU vertretenen Parteien allein zu Recherchezwecken den Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen zu gestatten, ohne weiteren Cambridge Analyticas Tür und Tor zu öffnen („Es ist illegal, in verbrecherischer Absicht gegen die Nutzungsbedingungen zu verstoßen, doch wenn man sich außer besagtem Verstoß nichts zuschulden kommen lässt, hat man auch nichts zu befürchten“). Wer allerdings glaubt, dass wir eine bessere Zukunft vor uns haben, wenn uns Facebook als konstitutioneller, von den Regierungsvertretern kontrollierter Monarch regiert, könnte eine unabhängige Überprüfung schnell für Selbstjustiz halten.

Natürlich hat niemand etwas dagegen, Facebooks Machenschaften einen Riegel vorzuschieben. Der Techlash begrenzt dies jedoch auf technische Maßnahmen, die der Konzern früher oder später unweigerlich durch Schlupflöcher umgehen wird – wenn er sich nicht einfach freikauft.

In einer Technoutopie sind es die souveränen Staaten, die durch ihre Gesetze Facebook zurechtstutzen, indem sie den Konzern zur Ausgliederung bestimmter Bereiche zwingen, Übernahmen verhindern, sein Einkommen global besteuern und – was genauso wichtig ist – Dritten ermöglichen, seine Marktdominanz herauszufordern, indem Nutzer ihre Daten anderen Wettbewerbern zur Verfügung stellen können.

Was Big Tech so problematisch macht, ist nicht das „Tech“, sondern das „Big“, also die Größe. Ein Psychopath, der einen Tante-Emma-Laden führt, macht zwar seinen Kunden und Angestellten das Leben zur Hölle, doch niemand wird dazu gezwungen, für ihn zu arbeiten oder bei ihm einzukaufen, wenn es nebenan noch einen anderen Laden gibt. Ein Psychopath jedoch, der konkurrenzlos eine ganze Stadt oder eine ganze Branche beherrscht, ist gefährlich.

Dass die Entscheidungen einer kleinen Gruppe technikversierter Mitarbeiter der großen Konzerne das Leben von Milliarden beeinflussen, ist zutiefst undemokratisch. Die Menschen daran zu hindern, die Technik zu ihrem Selbstschutz zu verändern, ist noch undemokratischer. Die demokratische Alternative lautet, den Menschen die Kontrolle über die digitalen Produktionsmittel zurückzugeben.
 

Cory Doctorow ist Schriftsteller, Journalist und Internet-Ikone. Mit seinem Blog, seinen öffentlichen Auftritten und seinen Büchern hat er weltweit Berühmtheit erlangt. Sein Roman „Walkaway“ ist im Shop erhältlich. Im Mai diesen Jahres erscheint bei Heyne seine Novelle „Wie man einen Toaster überlistet“ (im Shop).

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