20. September 2022 4 Likes

Die Monster der Gegenwart

Über die Zukunft nachzudenken heißt nicht unbedingt, über die Zukunft nachzudenken

Lesezeit: 7 min.

Diese Kolumne kommt viel zu spät. Eigentlich wollte ich wie üblich zu Beginn der Ferienzeit über mögliche Urlaubsziele und meine diesbezüglichen Pläne schreiben, aber wegen einer gesundheitlichen Notlage ist mein Sommer leider anders verlaufen als geplant. Ich habe in den vergangenen Wochen allerdings einige Bücher gelesen, also schreibe ich darüber.

Zu meiner Sommerlektüre gehörten so tolle Bücher wie Werner Herzogs „Jeder für sich und Gott gegen alle“ und Hervé le Telliers „Die Anomalie“, doch im Rahmen dieser Kolumne ist wohl vor allem „What We Owe the Future“ von William MacAskill von Interesse. Das Buch ist im August bei Oneworld erschienen, und ich hoffe sehr, dass es bald auch eine deutsche Ausgabe geben wird, denn der Schotte MacAskill, ein junger Moralphilosoph und Oxford-Professor, ist einer der spannendsten Denker unserer Zeit. Ich sage das, obwohl ich mit „What We Owe the Future“ ein großes Problem habe.

Dazu komme ich gleich. Zuvor eine Frage, die ich mir schon seit längerem stelle: Warum denke ich – warum denken wir, die wir Zukunftsbücher lesen, Zukunftsfilme schauen und Webseiten wie diese hier besuchen – eigentlich über die Zukunft nach? Man kann nämlich nicht gerade behaupten, dass das Nachdenken über die Zukunft zu den Kernkompetenzen der menschlichen Spezies gehört. Oder anders ausgedrückt: Die meiste Zeit tun wir nur so, als würden wir über die Zukunft nachdenken. In Wahrheit aber ist die Zukunft, die wir dabei adressieren, ein verschobenes Jetzt, ein leerer Imaginationsraum, in den wir so viele getunte Gegenwartsmöbel stellen, dass die Illusion von Zukunft entsteht.

Allzu überraschend ist das nicht. Wir Menschen bilden uns zwar mächtig etwas darauf ein, die Zukunft planbar, berechenbar, verfügbar gemacht zu haben, aber letztlich verliert sich unser Zukunftsdenken nach zwei, drei Generationen in einem dichten Nebel. Ob es uns nun gefällt oder nicht, wir sind Gegenwartsgeschöpfe.

An diesem neuralgischen Punkt setzt William MacAskill an, und damit unterscheidet sich „What We Owe the Future“ dezidiert von unzähligen anderen Büchern des Typs „Was bringt uns die Zukunft?“. MacAskill macht nämlich darauf aufmerksam, dass wirklich über die Zukunft nachdenken bedeutet, die Zukunft nicht als leeren, sondern bewohnten Raum zu sehen: bewohnt von jenen Menschen, die einmal in der Zukunft existieren werden.

Das klingt offensichtlich, ist aber keine leichte Übung. Denn das ganze Gerede von den Enkeln und Urenkeln und Ururenkeln, „von denen wir die Welt nur geborgt haben“ und so weiter, das durch die gesellschaftlichen Diskurse wabert, kann nur mühsam die Tatsache verbergen, dass wir zu denen, die nach uns kommen, eigentlich gar keine rationale Beziehung haben. Sie werden kommen, das steht fest, aber wie sie wirklich leben, wer sie wirklich sein werden, das hat bisher nur die Science-Fiction interessiert (ein Aspekt dieser Kunstform übrigens, der viel zu wenig beachtet wird).

Nun spielt Science-Fiction bei MacAskill keine große Rolle, trotzdem sind es die zukünftigen Menschen und nicht „die Zukunft“, die den Dreh- und Angelpunkt seiner Überlegungen bilden. Sollte nämlich keine globale Megakatastrophe dazwischen kommen, werden, gemessen an der durchschnittlichen Lebensdauer von Säugetierarten, nach uns noch an die achtzig Billionen Menschen leben, und wenn wir, so MacAskill, menschliches Leid minimieren und menschliches Wohlergehen maximieren wollen, müssen wir diese Menschen zwangsläufig in unsere Gegenwartsentscheidungen, die sich bekanntermaßen inzwischen fundamental auf die nahe und ferne Zukunft auswirken, mit einbeziehen.

Ein solcher Ansatz ist nicht ganz neu, Kirsten Meyer, Tim Mulgan und andere haben schon Bücher dazu vorgelegt. MacAskill allerdings schlägt einen ganz konkreten Mechanismus vor, um in Situationen, die sich sehr unterschiedlich entwickeln können, bestimmten Zukünften einen Wert zuzuweisen: die „expected value theory“. Wenn etwa ein für die Menschen der Zukunft sehr nachteiliges Resultat unwahrscheinlicher ist als ein weniger nachteiliges, sollten wir trotzdem alles tun, um dieses Resultat zu vermeiden; wir sollten den anderen Resultaten also prinzipiell einen höheren Wert zuweisen. So einleuchtend eine solche Methode, die Zukunft zu priorisieren oder zu gewichten, klingt, so wenig verhalten wir uns danach. Bestes Beispiel ist die Klimakrise, in der die meisten von uns die Unsicherheit darüber, wie sich die Erderwärmung tatsächlich auswirken wird, als Argument dafür nehmen, sich weniger um die Zukunft zu sorgen, obwohl sie sich eigentlich mehr sorgen sollten.

MacAskill geht aber kaum auf die Klimakrise und die damit einhergehenden ökologischen Verwerfungen ein, sondern beschäftigt sich mehr mit der Gefahr eines Nuklearkriegs, der Verselbständigung von künstlicher Intelligenz und der Möglichkeit neuer Pandemien. Für ihn scheint die ökologische Krise schon so sehr Teil der öffentlichen Debatte zu sein, dass sein Anspruch an einen rationalen Zukunftsdiskurs in diesem Fall weitgehend erfüllt ist.

Und hier kann ich ihm nicht folgen. Ja, hier wird mir sogar etwas mulmig zumute. Denn hier kommt ein Irrglaube zum Vorschein, der sich durch die gesamte gegenwärtige Moralphilosophie zieht und weit über rein akademische Diskussionen hinaus wirkt – der Irrglaube, dass sich moralischer Fortschritt peu à peu weiterentwickelt, indem er immer mehr menschliche Aktivitäten erfasst. Also ganz vereinfacht gesagt: von den Rechten der Sklaven über die Rechte der Frauen zu den Rechten der Tiere und Bäume. MacAskill stellt richtigerweise fest, dass die ökologische Krise seit Jahrzehnten Teil der gesellschaftlichen Auseinandersetzung ist und sich immer mehr Elemente davon in unser moralisches Netzwerk einfügen, aber worüber wir dabei reden, ist nicht etwas, was Menschen erzeugt haben oder erzeugen werden, sondern etwas, das schon Milliarden Jahre existierte, bevor Menschen überhaupt auf den Plan traten: die Biosphäre des Planeten Erde.

Das ist eine andere philosophische Kategorie. Mit der Biosphäre der Zukunft sind wir auf eine ganz andere Art verbunden als mit den Menschen der Zukunft. Bei der Biosphäre handelt es sich eine Entität, von der wir abhängig sind, während wir gleichzeitig so tun, als wären wir von ihr unabhängig. Eine Entität, die wir massiv verändern, aber in keiner Weise kontrollieren. Eine Entität, die über die menschliche Zukunft entscheidet, ohne dass es eine Instanz gibt, die eine solche Entscheidung trifft.

MacAskill übersieht oder will nicht sehen, dass die menschliche Geschichte in eine Phase eingetreten ist, in der Geschichte nicht mehr nur von Menschen gemacht wird. Das wird zuweilen rhetorisch aufgerufen („Die Natur verhandelt nicht“ und so weiter), aber die tatsächlichen Implikationen weisen die meisten von uns weit von sich. Diese Implikationen sind nämlich nicht nur kontraintuitiv, sondern für viele auch demütigend. Insofern ist es nur folgerichtig (wenn auch tragisch), dass sich in der ökologischen Debatte die wissenschaftliche und die politische Ebene voneinander abgekoppelt haben.

Was mich wieder zum zurückliegenden Sommer bringt, von dem einige sagen, dass er mit seiner extremen Hitze und Dürre (die schlimmste Dürre seit Jahrhunderten in Europa), der Wasserknappheit, den zahllosen Waldbränden und der verheerenden Flut in Pakistan ein Wendepunkt war. Also im Sinne von: Jetzt sollten es doch endlich alle begriffen haben! Aber so wünschenswert das wäre, so hat doch gerade dieser Sommer gezeigt, wie sehr uns die Monster der Gegenwart im Griff haben. Absurd, aber wahr: Als der Rhein starkes Niedrigwasser verzeichnete, wurde laut die Sorge geäußert, dass man bald womöglich keine Kohle mehr über das Wasser transportieren könne – Kohle, deren Verfeuerung dazu führt, dass die Sommer noch heißer und die Pegelstände der Flüsse noch weiter sinken werden.

Hinter derartigen Absurditäten verbirgt sich der Umstand, dass wir die mannigfaltigen Krisen unserer Zeit – Klima, Ukraine, Energieversorgung, autoritäre Strömungen – weitgehend getrennt voneinander verhandeln. Tatsächlich sind sie aber eng miteinander verflochten. Die Putins, die Trumps, die entsprechenden politischen Formationen in Europa rechts und links außen, sie alle wollen, indem sie eine Vergangenheit beschwören, die es nie gab, die Gegenwart für immer zementieren. Und diese Gegenwart – das, was sie als „normal“ bezeichnen – ist dazu angetan, die Menschen der Zukunft (und wer weiß, vielleicht sogar schon uns) in den Abgrund zu reißen. Natürlich, im Laufe der Jahrhunderte hat es immer wieder reaktionäre Bewegungen gegeben, aber jetzt, im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, ist etwas neu. Die Bühne, auf der sie ihr übles Stück aufführen, ist nicht mehr dieselbe. Besser gesagt: Die Bühne – die Biosphäre, der Planet – spielt jetzt mit, und daran kann niemand etwas ändern, kein Führer, kein Politbüro, kein König.

William MacAskill hat recht: Wenn man seriös über die Zukunft nachdenken will, muss man in Rechnung stellen, dass das dabei verwendete Wir viel umfassender ist als nur das gegenwärtige Wir. Man sollte jedoch ebenfalls in Rechnung stellen, dass dieses Wir fragmentiert ist, dass es mächtige Menschen gibt, die daran arbeiten, die Zukunft zu einem Albtraum zu machen. Vor allem aber sollte man in Rechnung stellen, dass neben diesem Wir noch etwas Anderes existiert. Man kann es als etwas Größeres begreifen, das muss man aber gar nicht. Es genügt, wenn man es als etwas Anderes begreift.

Und solange wir mit diesem Anderen nicht in einen Dialog treten, können wir uns das Nachdenken über die Zukunft eigentlich sparen.

 

Sascha Mamczak ist Autor von „Die Zukunft – Eine Einführung“ und des Jugendsachbuchs „Eine neue Welt“. Zuletzt ist bei Reclam sein Buch „Science-Fiction. 100 Seiten“ erschienen. Alle Kolumnen von Sascha Mamczak finden Sie hier.

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