Salem: Red Dragon
Überraschungsalbum der Witch-House-Pioniere
Salem ist definitiv eine der ungewöhnlichsten Bands. Das anfänglich noch aus Jack Donoghue, John Holland und Heather Marlatt bestehende Trio ging 2008 mit der EP „Yes I Smoke Crack“ an den Start und etablierte das kurzlebige Mikrogenre Witch House, eine Mischung aus hochgepitchten Synthesizersounds, schweren Bässen, stolperenden Trap-Drums, düsteren, aber eingängigen Melodien und auf verschiedene Weise elektronisch manipulierten, schleifenden Gesang. Musik, die klingt wie auf Drogen komponiert und im Fall von Salem wohl tatsächlich auf Drogen komponiert worden sein soll. So hatte Donoghue, der im Wesentlichen für die Beats verantwortlich ist, eine Vorliebe für OxyContin und saß dementsprechend bedröhnt an den Musikgeräten. Holland dagegen war dem Speedball (Mischung aus Kokain und Heroin) zugeneigt und hatte sich seine Drogensucht zeitweise als männlicher Prostituierter finanziert.
Natürlich ist das der perfekt kaputte Background für eine wunderbar kaputt klingende Musik. Macht sich marketingtechnisch prima und wurde von den Künstlern noch forciert, in dem Journalisten während Interviews Drogen offeriert wurden.
Man kann aber trotz allem Drumherumgedöns nicht abstreiten, dass Salem tatsächlich was Neuartiges geschaffen hatte. Mit dem 2010 erschienenen, noch heute ungemein hörenswerten Album „King Night“ wurden die drei Musiker schnell zum einflussreichen Kult, der dank prägnanter Outfits außerdem auf die Bekleidungsbranche überschwappte – daran konnte selbst ein legendär vergeigter Auftritt auf dem South-By-Southwest-Festival, bei dem die Band von der Bühne gebuht wurde, nichts ändern. Doch Salem überraschten: Statt ihren Erfolg auszubauen, verschwanden die drei ab 2012 fast komplett von der Bildfläche, um erst 2020, zum Duo geschrumpft (Heather Marlatt hatte die Band verlassen), mit „Fires in Heaven“ ein zweites (ebenso tolles) Album zu veröffentlichen. Danach war, abgesehen von einem DJ-Set und zwei Live-Auftritten, wieder erstmal Ruhe.
Am vergangenen Donnerstag wurde nun – parallel zu einer mit dem New Yorker Fashionhersteller Supreme produzierten Modelinie namens „SALEM x Supreme“ – ohne die geringste Vorwarnung mit „Red Dragon“ ein 31-Track starkes Album oder vielmehr eine Art Compilation, die Neuaufnahmen vormals geleakte Songs, B-Seiten, aber ebenso nie gehörtes Material enthält, ins Internet gestellt. Überraschenderweise ist auf mindesten einem der Tracks Heather Marlatt zu hören. Irgendwelche Erklärungen zu dem fast zweistündigen Bündel an Musik gibt’s nicht, aber das hatte auch niemand ernsthaft erwartet.
Ich würde Neueinsteigern vielleicht erstmal zu den beiden Alben raten, die Fans aber werden voll und ganz zufrieden sein.
Hier kann man sich alles anhören, gekauft werden (vorerst nur als digitale Version) bei den gängigen Anbietern.
Abb. ganz oben: NewCityMusic
Kommentare