18. Januar 2024 1 Likes

„Poor Things“ – Furious Jumping

Yorgos Lanthimos spektakuläre, feministische Frankenstein-Variante

Lesezeit: 3 min.

„Wir sind unsere eigenen Produktionsmittel“ sagen die beiden jungen Frauen, als sie von einem Mann, der langsam realisiert, das ihn die Frauen weder brauchen noch wollen, als Huren beschimpft werden. Eine von ihnen ist Bella Baxter (Emma Stone), Hauptfigur in „Poor Things“, ein satirisch-feministischer, utopisch-fantastischer, bildgewaltig-überbordender Film, für den der griechische Autorenfilmer Yorgos Lanthimos in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, der demnächst auch einige Oscars gewinnen könnte, der aber vor allem ein großartiger Film ist.

Zu Beginn ist Bella ein kindlicher Geist im Körper einer Frau, denn ihr Gott, der an Frankenstein gemahnende Godwin Baxter (Willem Dafoe) hat sie auf seltsame Weise geschaffen, als Versuchsobjekt für seine physischen und physiologischen Experimente. Immerhin Bellas Körper ist weitestgehend unversehrt, was man von den animalischen Kreaturen im Haus nicht sagen kann …

Unter der Aufsicht von Max McCandles (Ramy Youssef) macht Bella rapide Fortschritte und entdeckt so bald ihren Körper. In ihrem ganz naiven, von den Konventionen vornehmer Gesellschaft völlig losgelösten Verhalten, probiert sie aus, was ihr gefällt, ohne Rücksicht auf eigene Verluste und vor allem ohne Rücksicht auf die Emotionen der Männer. Was vor allem der Schnösel Duncan Wedderburn (Mark Ruffalo) bald schmerzhaft erleben und erleiden muss. Denn nachdem er Bella die Freuden des Sex – in Bellas schnörkelloser Formulierung: Furious Jumping – nahe gebracht hat, verliebt nicht etwa sie sich in ihn, sondern er in eine Frau, die auf eine Weise selbstständig und selbstbewusst agiert, die nicht nur dem Macho Wedderburn verstört.

Von Lissabon über Alexandria bis nach Paris führt die Reise Bella Baxters, die einer Selbstfindung, aber auch einer Bildungsreise gleicht. Durch spektakuläre Sets bewegt sich Bella, teils organisch anmutend, mit weichen Böden und Decken, die wie Waben wirken, teils an Art Deco oder Fin de siecle-Räume erinenrnd. Auf ihrer Reise lernt Bella – um eine von Hanna Schygulla gespielte Figur zu zitieren – neben dem Organ zwischen ihren Beinen, auch das Organ zwischen ihren Ohren zu schätzen, vertieft sich in philosophische, später auch soziologische Bücher und kommt der Erkenntnis nahe, dass die Menschheit zu Gewalt und Ungerechtigkeit neigt.

Seit er mit dem noch auf Griechisch gedrehten „Dogtooth“ bekannt wurde, hat Yorgos Lanthimos immer wieder gezeigt, das er zu den interessantesten, radikalsten Regisseure der Gegenwart zählt. Durch seinen Wechsel zu englischsprachigen Filmen – „The Lobster“, „The Favourite“ – wurde er einem breiteren Publikum bekannt. Was umso mehr überrascht, als seine Filme zwar eine mitreißende Oberfläche bieten, phantastisch ausgestattet sind, mit Stars besetzt, von satirischem Witz und extremen Szenen geprägt, unter der Oberfläche aber mit beißender Schärfe die Strukturen der bürgerlichen Klasse und des Konsum-Kapitalismus sezieren.

In diesem Sinne funktioniert auch „Poor Things“, der oft fast überbordend wirkt, mit seiner grellbunten Optik, den durch ein Fischauge-Objektiv oft verzerrt wirkenden Bildern, den grotesken Momenten, dem Exzess. Vergleiche mit „Barbie“, dem Mega-Erfolg des letzten Kinojahres, sind nicht ganz falsch, denn auch dort konnte man einfach nur die Oberfläche goutieren – oder hinter die Bilder blicken und dort komplexe Figuren entdecken, mit denen patriarchale Strukturen aufgezeigt wurden. Jedoch – und auch das hat „Poor Things“ mit „Barbie“ gemein – ohne erhobenen Zeigefinger, ohne zu moralisieren, sondern versteckt in einem 141 Minuten langen rauschhaften Kinovergnügen.

Poor Things • USA 2023 • Regie: Yorgos Lanthimos • Darsteller: Emma Stone, Willem Dafoe, Mark Ruffalo, Margaret Qualley • Kinostart 18. Januar 2024

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