29. März 2021

Die Geschichte vom gierigen Fährmann

Wie Amazon, Apple und Co. zu schier allmächtigen Monopolisten werden konnten

Lesezeit: 14 min.

Wenn Sie das, was Sie über Wirtschaft wissen, aus Robert-A.-Heinlein-Romanen oder an der University of Chicago gelernt haben, hängen Sie womöglich dem Glauben an, dass der Begriff „freier Markt“ ein Wirtschaftssystem beschreibt, das frei von staatlichem Einfluss ist und in dem sämtliche Transaktionen erlaubt sind, die auf beiderseitigem Einverständnis beruhen.

Eigentlich stammt der Begriff aber aus „Der Wohlstand der Nationen“ von Adam Smith und meint etwas völlig anderes: keinen von staatlicher Einmischung, sondern einen von Rentiers freien Markt. Ein Rentier ist jemand, der sein Einkommen aus „ökonomischen Renten“ bestreitet – also lediglich dafür Geld bekommt, dass er etwas besitzt. Nehmen wir beispielsweise eine Fabrik: Die Arbeiter steuern ihre Arbeitskraft bei, die Investoren bauen die Fabrikanlage und halten sie instand, und der Grundstücksbesitzer schöpft einen Teil der aus diesen Aktivitäten erzielten Einnahmen ab, weil ihm das bisschen Erde unter der Fabrik gehört. Das Geld, das der Grundstückseigentümer erhält, kann weder den Arbeitern als Lohn ausgezahlt noch in die Instandsetzung und Modernisierung der Fabrik gesteckt werden. Und die Aktionäre haben auch nichts davon.

Eine der profitabelsten Methoden zur Generierung solcher Renten ist das Monopol. Den Gewinn, den beispielsweise ein Fährmann durch hohe Beförderungsentgelte erwirtschaftet, würde man nicht unbedingt als Rente bezeichnen, da es einem anderen freisteht, eine Brücke zu bauen oder einen konkurrierenden Fährdienst ins Leben zu rufen. Wenn der Fährmann jedoch mithilfe seiner Gewinne Lobbyarbeit betreibt und damit ein Verbot für Brücken oder Fährunternehmen durchsetzt, kann man von einer sogenannten „Monopolrente“ sprechen, da die Kunden keine andere Wahl haben, als seine hohen Preise zu bezahlen.

Es gibt allerdings noch andere Möglichkeiten, ein Monopol aufzubauen: Der Fährmann kann seine Monopolrente (also den Profit, den er zusätzlich einstreicht, weil er keine Mitbewerber hat) dazu benutzen, jeden neugegründeten Konkurrenzbetrieb sofort aufzukaufen. Und wenn der nicht verkaufen will, kann er ihn mithilfe der Monopolrente aus dem Geschäft drängen, indem er beispielsweise wichtige Mitarbeiter abwirbt und ihnen höhere Gehälter bezahlt. Der Monopolist könnte auch den Preis eines Fährtickets so weit senken, dass ein rentabler Fährbetrieb nicht mehr möglich ist. Finanziert wird das durch die angesparte Monopolrente. Das geht so lange, bis der Konkurrent pleite ist und verkaufen muss – woraufhin der Monopolist die Preise wieder erhöht.

Deshalb ist ein Monopolist rein technisch gesehen nicht unbedingt ein Verkäufer ohne Konkurrenz, sondern jemand, der seine Preise festlegen kann, ohne sich um den Markt kümmern zu müssen. Wenn im Wettbewerbsrecht und der Wirtschaftstheorie von einem Monopol die Rede ist, geht es nicht um die Anzahl der Mitbewerber, sondern um die Macht, Preise festzusetzen. Und je weniger Mitbewerber im Feld sind, desto leichter ist es, die Preise zu diktieren.

Ein Monopol verstärkt sich selbst. Der Löwenanteil einer Monopolrente wird zwar an die Aktionäre ausbezahlt, schlaue Monopolisten behalten jedoch einen Teil zur besonderen Verwendung zurück: um Politiker zu bestechen (oder gleich selbst Gesetzesvorschläge auf den Weg zu bringen), sich Vorteile zu erkaufen, Mitbewerber zu schlucken oder diese mit Dumpingpreisen und anderen schmutzigen Tricks aus dem Geschäft zu drängen.

Ein Rentier mit einem Monopol ist eine marktbildende Kraft. Angenommen, der Fährmann verlangt von einem Händler für Hin- und Rückfahrt zum Markt 100 Dollar. Dieses Angebot werden nur Händler annehmen, die darauf hoffen können, auf dem Markt mindestens 101 Dollar einzunehmen. Das hat zur Folge, dass die Fährpreise auf die Kunden umgelegt werden oder dass bestimmte Waren nicht verfügbar sind, weil die Kunden nicht bereit sind, den Anteil des Fährmanns mitzubezahlen.

Ein Markt ist dann „frei“, wenn Angebot und Nachfrage von den Kapazitäten des Produzenten und den Wünschen der Kunden bestimmt werden. Jede ausbezahlte Rente schmälert diese Freiheit, da die Möglichkeiten zu Angebot und Nachfrage mit dem Betrag schwinden, der in den Taschen desjenigen verschwindet, der besitzt anstatt zu produzieren.

An diesem Punkt kommen wir zu mir. 2020 war ein hartes Jahr, aber es gab für mich auch einen Lichtblick: Im September rief ich die bis dato erfolgreichste Crowdfunding-Kampagne für ein Hörbuch ins Leben. Sie brachte 267.613 Dollar ein. Binnen eines Monats musste ich mir keine Sorgen mehr über das Auskommen meiner Familie machen, konnte Kredite und Steuern zahlen und mein Altersguthaben ordentlich aufstocken. Das war ein großartiger Monat.

Trotzdem hätte ich lieber darauf verzichtet.

Wenn Sie diese Kolumne oder meine sonstige Arbeit verfolgen, wissen Sie, dass ich äußerst allergisch auf das sogenannte Digitale Rechtemanagement (DRM) reagiere, also jene Softwaresysteme, mit der Big Tech E-Books, Filme, Musik und Spiele angeblich vor unerlaubter Vervielfältigung schützt. Wenn die Hauptaufgabe von DRM tatsächlich darin besteht, unerlaubte Vervielfältigung zu verhindern, dann können wir mit Fug und Recht behaupten, dass es sich um einen katastrophalen Fehlschlag handelt. Jedes DRM-geschützte Werk, das man streamen oder herunterladen kann, gibt es irgendwo im Internet auch als freie, illegale Kopie, weil die Sicherungsmaßnahmen ausgehebelt wurden. Nein, die wahre Funktion eines DRM-Systems ist eine kommerzielle: Es ist ein Instrument des sogenannten Rentseeking und dient letztlich der Errichtung monopolistischer Strukturen. Laut US-Gesetz ist es strafbar, DRM-Systeme zu entfernen oder sie zu manipulieren, auch wenn kein Verstoß gegen das Urheberrecht vorliegt. Solche Delikte werden mit schweren Strafen belegt: fünf Jahre Gefängnis und/oder 500.000 Dollar Strafe (andere Länder, beispielsweise die EU-Mitgliedsstaaten, Kanada, Australien, Japan, Mexiko haben dem unsanften Druck der US-Handelsvertreter nachgegeben und ihre eigene Version dieser Gesetze erlassen).

DRM-Verstöße seitens anonymer, nicht profitorientierter Individuen und Gruppierungen sind an der Tagesordnung, im Handel dagegen trifft man so etwas nicht an. DRM-Knacker gibt es weder als USB-Stick an der Supermarktkasse, noch kann man sie bei Amazon bestellen. Und der Handyladen um die Ecke wird Ihnen höchstens ein kaputtes Display reparieren, aber keinen Jailbreak an ihrem Mobilgerät durchführen.

Für den Rechteinhaber – in meinem Fall den Buchautor – sind das trostlose Aussichten. Wenn ich den Big-Tech-Monopolisten erlaube, meine E-Books mit einem DRM-System auszustatten, können sie – und nicht ich – entscheiden, auf welchen Geräten und zu welchen Bedingungen meine Bücher gelesen werden. Wenn Sie sich für 500 Dollar Bücher bei Apple oder Google oder Amazon gekauft haben und ich als Autor dann mit diesem Firmen unzufrieden bin und deren Plattform zugunsten eines Mitbewerbers verlasse, müssen Sie weitere 500 Dollar bezahlen, um die Bücher noch einmal zu kaufen.

Big Tech ist also der Fährmann, der den Markt beherrscht und die Monopolrente einstreicht. Je mehr mit DRM-Systemen ausgestattete Bücher verkauft werden, desto mehr Rendite erhalten die Techkonzerne und desto größer wird ihre Macht. Ich bin jetzt neunundvierzig Jahre alt, und wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt, werde ich wohl noch ungefähr ein Vierteljahrhundert lang Romane schreiben. Wenn es so weitergeht wie bisher, könnte ich wohl noch erleben, wie die Techgiganten die Buchbranche komplett übernehmen. Entweder aus eigener Kraft oder indem sie mit Unterhaltungskonzernen fusionieren (denken Sie an wahrscheinliche Allianzen wie Apple-Disney oder Universal-Comcast-Simon-and-Schuster oder Google-Hachette).

Diese Marktdominanz zu verhindern und die gegenwärtige Monopolisierung rückzubauen ist eine strukturelle, keine individuelle Aufgabe. Es ist eine Aufgabe für Gesetzgeber und Aufsichtsorgane, nicht für Autoren. Und hier zeichnet sich ein Hoffnungsschimmer am Horizont ab: Der neue US-Präsident Joe Biden hat Rohit Chopra zum Direktor der CFPB, der Verbraucherschutzbehörde im Finanzsektor, ernannt. Chopra ist ein furchtloser Kämpfer, der, als er noch bei der US-Handelskommission tätig war, seine Kollegen mehr als einmal in Aufruhr versetzte, indem er die Zerschlagung und strafrechtliche Verfolgung von Unternehmen forderte, die sich wiederholt Fehltritte zuschulden kommen ließen. Sein Motto: „Die Anweisungen der Finanzaufsicht sind keine Vorschläge.“

Selbstverständlich werde ich nicht alle Hoffnung auf eine einzige Personalie legen. Chopra hin oder her, die Verbraucherschutzbehörde wird nur einschreiten, wenn es eine öffentliche Debatte zu diesem Thema gibt – wenn etwa Autoren lautstark gegen diese ausbeuterische Rentenabschöpfung protestieren. Ich werde also weiterhin nicht zulassen, dass meine Bücher mit einem DRM-System versehen werden, und ich werde zu diesem Thema auch weiterhin nicht schweigen. Glücklicherweise steht mein Verlag hinter mir, und ein noch größeres Glück ist es, dass DRM-Systeme bei allen E-Book-Plattformen optional sind. Sogar bei der größten, dem Kindle-Store von Amazon.

Bei Hörbüchern allerdings sieht die Sache ganz anders aus.

Amazon beherrscht einen gewaltigen Teil des E-Book-Markts. Die Big Five der Verlage – also Penguin Random House, Hachette, HarperCollins, Simon and Schuster und Macmillan – verkaufen vierzig Prozent ihrer E-Books über Amazon. Amazon hat nicht nur einen eigenen Verlag, es bindet auch die Autoren, die im Selbstverlag über Amazon publizieren wollen, mittels DRM an sich, indem sie sich bereiterklären müssen, Amazon als alleinige Verkaufsplattform zu akzeptieren.

Bei Hörbüchern gibt es noch viel weniger Wettbewerb. Audible – Amazons Hörbuchsparte – beherrscht einen Großteil des Marktes. In vielen Genres erzielt Audible neunzig Prozent des Gesamtumsatzes. Außerdem ist Audible – wie Kindle – verlegerisch tätig. Keine unter dem „Amazon Original“-Label erschienenen Bücher oder Hörbücher können in Bibliotheken ausgeliehen werden. (Amazon argumentiert, dass die Bibliotheken mit öffentlichen Geldern Kindle- und Audible-Abos für ihre Nutzer anschaffen sollen – womit diese wieder der damit einhergehenden digitalen Überwachung anheimfallen würden.) Wer also sein Hörbuch bei Amazon veröffentlichen will, muss sich bereiterklären, dass dieses mit einem DRM-System versehen wird und auf alle Ewigkeit mit der Amazon-Plattform verbunden bleibt. Im Gegensatz zu Kindle erstreckt sich dieses verpflichtende DRM auch auf Hörbücher, die nicht von Amazon publiziert werden. Egal, wer die Aufnahme und Abmischung bezahlt hat, egal, wer die Rechte am Text und seiner Lesung hält – Amazon verlangt, dass jedes Hörbuch, das über seine monopolistische Plattform verkauft wird, mit einem DRM-System versehen wird. Das ist der Grund, weshalb keines meiner Hörbücher bei Audible erhältlich ist.

Und da Audible neunzig Prozent Marktanteil hält, ist es auch der Grund, weshalb kein Verlag bereit ist, die Hörbuchrechte meiner Werke zu kaufen. Deshalb habe ich die Kickstarter-Kampagne gestartet und 267.613 Dollar gesammelt.

Mein Verlag Tor hatte sich bereiterklärt, „Sabotage“, den dritten Teil meiner „Little Brother“-Reihe, zu veröffentlichen, und eine ordentliche Summe für die Rechte bezahlt. Ein Hörbuch hätte Macmillan (die Gruppe, zu der Tor gehört) allerdings nur produziert und vermarktet, wenn ich ihnen die Rechte dafür gratis überlassen hätte. Der Verlag war nicht bereit, die Rechte für ein Hörbuch einzukaufen, das er nicht in der mit Abstand größten Hörbuchplattform hätte anbieten dürfen. Verständlich.

Ich behielt also die Rechte und gab selbst ein Audiobuch in Auftrag – gelesen von der fantastischen Amber Benson, hervorragend produziert von Skyboat Media unter der Regie der unvergleichlichen Cassandra De Cuir und gemastert vom brillanten John Taylor Williams. Da ich die Produktion in Auftrag gegeben habe, gehört mir das Hörbuch, und ich kann damit machen, was ich will. Zum Beispiel eine Kickstarter-Kampagne ins Leben rufen.

Meinen Lesern hat diese Idee gefallen.

Sie haben nicht nur über 6.700 Hörbücher zu einem Stückpreis von fünfzehn Dollar vorbestellt, sondern auch die Hörbücher der Vorgängerbände („Little Brother“ erschien 2008 bei Random House Audio, „Homeland“ habe ich 2013 selbst produziert) sowie alle drei E-Books gekauft. Dabei habe ich als E-Book-Verkäufer fungiert und siebzig Prozent des Erlöses an meine Verlage in den USA und England abgeführt (genau wie es Amazon getan hätte). Wenn die nächste Abrechnung fertig ist, bekomme ich je nach Vertrag fünfundzwanzig bis fünfzig Prozent davon als Tantiemen zurück.

Insgesamt habe ich also mit E-Books, Hörbüchern und einigen Zusatzangeboten 267.000 Dollar eingenommen. 130.000 Dollar davon habe ich an meine Verlage abgeführt, wovon ich etwa dreißig Prozent als Tantiemen zurückerhalten werde. Ein voller Erfolg, würde ich sagen.

Doch dann geschah das Unerwartete. Da ich weder Apps noch der Cloud traue, lade ich alles, was ich im Internet kaufe, auf meinen Computer herunter und synchronisiere es dann mit meinem Handy. Das ist zwar umständlich, aber immer noch besser, als überhaupt keinen Überblick und keine Kontrolle mehr zu haben – schließlich kann es jederzeit passieren, dass ein Technologiekonzern meine Medien löscht oder meine Bibliotheken sperrt. Und diese Bücher gehören mir. Anfangs nutzte ich hierfür Geräte wie den Creative Labs Nomad, den ich mit einem altertümlichen USB-Kabel mit dem Laptop verband und Daten darauf schaufelte, bis die Batterien leer waren.

Mein erster iPod, den ich mir während einer Geschäftsreise nach New York in einem Elektroladen am Broadway kaufte, war in dieser Hinsicht eine Offenbarung. Ich musste ihn nur mit meinem Mac-Laptop verbinden, schon lud er seinen Akku auf und synchronisierte sich. Allein auf dem kurzen Weg zu einem Restaurant in der Nähe hatte er schon Hunderte Dateien überspielt und sich so weit aufgeladen, dass ich den restlichen Tag über Hörbücher hören konnte.

Im Laufe der Jahre wurde es jedoch immer komplizierter. Eigenständige Audioplayer gibt es nicht mehr, heute übernehmen die Handys diese Funktion. Und daher wurden auch immer mehr Arbeitsschritte nötig, um eine Mp3-Datei aus dem Internet auf meinem Handy abspielen zu können. Ich muss:

  • die Dateien auf meinen Laptop herunterladen
  • sie entpacken
  • den Laptop mit dem Handy verbinden
  • das Handy als Laufwerk deklarieren (aber im Stammverzeichnis, nicht im Fotoverzeichnis - wenn ich auf den falschen Button drücke, muss ich von vorne anfangen)
  • ins Musikverzeichnis wechseln
  • die Dateien dort hineinkopieren
  • das Handy wieder vom Laptop entfernen
  • einen unabhängigen Mp3-Player aufrufen (weil sich der systemeigene Player weigert, Mp3-Dateien als Hörbücher zu akzeptieren) und die Dateilisten neu indizieren, damit ich das Hörbuch schließlich hören kann.

Das Ganze klingt umständlich, und das ist es auch. Wenn Sie das anders handhaben, kaufen Sie Ihre Medien wahrscheinlich bei Audible. Da sind lediglich folgende Schritte nötig:

  • für das Hörbuch bezahlen
  • auf den Download warten
  • anhören

Das wirft zwei Fragen auf:

  1. Warum ist es so aufwendig, digitale Produkte ohne App zu konsumieren?
  2. Warum bietet niemand seine digitalen Produkte gleich mit zugehöriger App an?

Die Antwort auf beide Fragen lautet: wegen der Monopolrente.

Apple und Google bilden ein Duopol auf mobile Betriebssysteme. Beide Konzerne bieten einen App-Store für ihre jeweiligen Plattformen an. Beide Plattformen erlauben den Verkauf über ihren jeweiligen App-Store nur dann, wenn man sich verpflichtet, das konzerneigene Bezahlsystem zu nutzen. Und beide App-Stores verlangen eine Beteiligung von dreißig Prozent auf diese Dienstleistung.

Dreißig Prozent sind eine Menge.

Nur ein Beispiel: Ich verkaufe das von Random House produzierte Hörbuch von „Little Brother“ für zwanzig Dollar. Mein Anteil davon beträgt zwanzig Prozent. Pro verkauftem Exemplar behalte ich also vier Dollar und überweise Random House sechzehn Dollar (wovon ich einen Teil ein paar Monate später als Tantiemen zurückerhalte). Würde ich meine Bücher bei Google oder Apple (zwei der größten, profitabelsten und am wenigsten besteuerten Konzerne in der Geschichte der Menschheit) verkaufen, müsste ich sechs Dollar Transaktionsgebühr abdrücken, weil ich eben gezwungen bin, das firmeneigene Bezahlsystem zu nutzen. Das würde bedeuten, dass ich jedes Mal, wenn jemand das Hörbuch von „Little Brother“ kauft, zwei Dollar verliere.

Dazu gibt es eine Alternative: Ich könnte über eine andere Plattform wie Apple Books (die dreißig Prozent verlangen) oder Play Books (wo der Anteil mindestens dreißig Prozent beträgt) verkaufen. Oder bei Audible (wo ich nicht nur dreißig Prozent abdrücken, sondern meine Hörbücher per DRM an die Plattform binden muss, bis das Universum den Hitzetod stirbt). Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass Audible weder Apple noch Google gehört. Bezahlt Audible trotzdem die dreißig Prozent? Soweit wir wissen nicht (die Details wurden nie öffentlich gemacht). Apple, Google und Amazon bekommen die digitalen Dienstleistungen der anderen regelmäßig zum Vorzugspreis. Wie wäre es dann, wenn ich Ihnen das Buch im Internet verkaufe und gleichzeitig eine App anbiete, mit der Sie es herunterladen können? Das könnte klappen, würden die beiden Firmen solche Apps nicht unter dem Vorwand eines Verstoßes gegen die Nutzungsbedingungen verbieten. Jeder, von Epic (der Spielefirma hinter Fortnite) über WordPress bis Spotify und Basecamp, hat mit diesen Methoden zu kämpfen. Apple und Google sind Fährdienste, die den Beförderungspreis von dreißig Prozent von jedem kassieren, den sie zum Markt fahren, und es ist ihnen bitterer Ernst damit. Apps und Digitale Rechtemanagementsysteme, die nicht nach ihren Regeln spielen, müssen mit juristischen Schritten rechnen. Und beide Firmen spielen mit den Renten auf App-Käufe Milliarden ein. Kann es da Zufall sein, dass es beide Konzerne außerdem fast unmöglich gemacht haben, eine Datei aus dem Internet herunterzuladen und sie ohne App auf dem Handy abzuspielen?

Von einem freien Markt kann also keine Rede sein, und dies nicht etwa, weil der Staat regulierend eingreifen würde – sondern weil er eben nicht eingreift. Aggressive Übernahmen haben zu einer Monopolisierung des Verlagswesens, der Bezahlsysteme, der App-Plattformen, des Vertriebs und vieler anderer Elemente der Buchbranche geführt, die inzwischen von weniger als fünf Konzernen dominiert wird (aus den Big Five sind inzwischen allerdings die Big Four geworden, da Simon and Schuster mit Random House fusioniert hat). Gewisse Bereiche – wie der Online-Buchhandel oder der stationäre Buchhandel in den USA – werden inzwischen sogar von einer einzigen Firma beherrscht. In vielen Fällen tauchen die Konzerne an verschiedenen Positionen der Wertschöpfungskette zwischen denjenigen Mitbewerbern auf, die ihnen noch nicht gehören, und nehmen diese gleichzeitig als Anbieter auf der einen und Kunde auf der anderen Seite in die Mangel.

Ich habe bei Kickstarter über zwanzigtausend E-Books und Hörbücher an 6283 Kunden verkauft. Ich schätze, dass etwa zehn Prozent ernsthafte Probleme damit hatten, ihre Bücher auf ihre Smartphones zu laden. Sechshundert Menschen technische Hilfestellung zu leisten war viel Arbeit, aber sie hat sich bezahlt gemacht – die Kickstarter-Kampagne brachte 267.613 Dollar ein.

Das war ein so großer Erfolg, dass ich für die Zukunft ähnliche Aktionen plane. Trotzdem, in den Wochen danach hatte ich nicht den Eindruck, einen Geheimgang gefunden zu haben, durch den ich zum Markt gelange, ohne einen gierigen Fährmann zu bezahlen. Ich kam mir eher vor, als wäre ich durch ein kleines Loch im Zaun geschlüpft, das in allernächster Zeit geflickt werden wird.

Gleichzeitig werden die Big Five verklagt, weil sie Preisabsprachen mit Amazon getroffen haben, so wie mit Apple zehn Jahre zuvor. Wenn Monopolisten einen Markt beherrschen, müssen sich die verbliebenen Konkurrenten zu Kartellen zusammenschließen, um wettbewerbsfähig zu sein. Die großen sechs Verlagshäuser hatten damals mit Apple gemeinsame Sache gemacht, weil sie Gefahr liefen, von Amazon vernichtet zu werden. Und sie konnten nur überleben, indem aus den Big Six die Big Five und schließlich die Big Four wurden. Die einzige Möglichkeit, gegen das Duopol zu bestehen, ist die Fusion.

Wenn Unternehmen Preisabsprachen treffen, verstößt das gegen das Kartellrecht. Wenn sich verschiedene Bereiche ein und desselben Unternehmens untereinander absprechen, ist das Geschäftsalltag. Wenn man also mit einem Konkurrenten eine Preisabsprache treffen will, ohne dafür bestraft zu werden, muss man ihn vorher aufkaufen.

Amazon ist bereits einer der größten Verlage der Welt. Man kann Amazon-Bücher nur auf Amazon-Plattformen kaufen. Aus Kartellen werden Monopole, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Amazon mit den in der Pandemie erwirtschafteten Milliarden die anderen Verlage aufkauft. Und Apple und Google werden sicher ähnliche Pläne in der Schublade haben.

Ende 2020 gingen die Trump-Regierung sowie die Justizminister so gut wie aller Bundesstaaten gezielt gegen die Kartellrechtsverstöße der Big-Tech-Firmen vor. Joe Biden hat versprochen, den Druck aufrechtzuerhalten, und auch die EU hat sehr glaubwürdig angekündigt, für mehr Wettbewerb zu sorgen und den Tech-Giganten das Leben schwer zu machen.

Es wurde auch höchste Zeit – wenn es nicht schon zu spät ist.

 

Cory Doctorow ist Schriftsteller, Journalist und Internet-Ikone. Mit seinem Blog, seinen öffentlichen Auftritten und seinen Büchern hat er weltweit Berühmtheit erlangt. Sein Roman „Walkaway“ ist im Shop erhältlich. Zuletzt erschien bei Heyne seine Novelle „Wie man einen Toaster überlistet“ (im Shop).

 

Kommentare

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.
Sie benötigen einen Webbrowser mit aktiviertem JavaScript um alle Features dieser Seite nutzen zu können.