4. März 2019 4 Likes

Ein Hurrikan in Europa – alles nur Zufall?

Warum auch wir uns in Zukunft auf extreme Wettersituationen einstellen müssen

Lesezeit: 3 min.

In Polen trafen sich vor einigen Wochen Politiker der ganzen Welt, um über den Klimawandel zu beraten und zu einer Einigung zu kommen, wie man die Erderwärmung eindämmen kann. Die Schwierigkeiten, die dabei auftreten, wenn sich hunderte Politiker einigen sollen, zeigen ganz deutlich das grundlegende Problem: Der Klimawandel ist – trotz umfangreicher wissenschaftlicher Erkenntnisse – in vielen Köpfen nur ein abstraktes, weit entferntes Phänomen. Schmelzende Polkappen, steigende Meeresspiegel, aussterbende Tierarten – das alles hat auf uns schließlich keinen unmittelbaren Einfluss im Alltag. Oder?

Hurrikane

Wo die meisten Hurricanes entstehen

Hurricanes sind ein Phänomen, das wir vor allem aus den USA kennen. Als „Hurricane“, „Hurrikan“ oder im pazifischen Raum auch „Taifun“ bezeichnen wir tropische Stürme, die sich aus Tiefdruckgebieten über sehr warmem Wasser bilden. Sie zeichnen sich durch extrem hohe Windgeschwindigkeiten (ab 120 Kilometer pro Stunde Mittelwind, mit deutlich stärkeren Böen) sowie ihre gut organisierte, spiralförmige Struktur mit dem charakteristischen Auge aus. Noch dazu ist der Druck in ihrem Zentrum so tief, dass sie das Meer unter ihnen quasi „ansaugen“ und dadurch beim Auftreffen auf Land zu verheerenden Überflutungen führen können. Natürlich bilden sich Stürme ständig und überall, aber um sich in einen echten Hurricane zu verwandeln, muss ein Sturm über mindestens 26 Grad Celsius warmem Wasser entstehen, andernfalls zerfällt er schnell wieder. Im Nordatlantik liegt daher die Wiege der Hurricanes zwischen der Afrikanischen Westküste und Mittelamerika, wo es kuschelig warm ist.

Und hier kommt der Klimawandel ins Spiel. Durch die anhaltende Erwärmung, die die Treibhausgase in unserer Atmosphäre verursachen, werden auch die Ozeane wärmer. Mehr Gegenden im Ozean erwärmen sich über 26 Grad, dadurch bilden sich zum einen mehr Stürme mit Hurricane-Potenzial, zum anderen werden entstehende Stürme stärker und Gegenden, in denen das Wasser sonst zu kalt war, um einen Hurricane erhalten zu können, können ihn nun unbeschadet durchziehen lassen. Das schließt auch die Küsten Europas ein. Glauben Sie nicht? 

Im Oktober 2005 bildete sich Hurricane Vince im Nordost-Atlantik als extratropischer Sturm und verstärkte sich zum tropischen Sturm über einer Gegend, die dafür eigentlich zu kalt sein sollte. Er entwickelte sich zum „Stufe 1 Hurricane“ und schwächte sich erst kurz vor der Portugiesischen Küste wieder ab. Das letzte Mal, dass ein solcher Sturm europäisches Festland erreichte, war laut Aufzeichnungen 1842 in Spanien.

Temperatur-Anomalien

Mehr und mehr wird die Hurricane-Anomalie zum Normalfall

Solche Zufälle gibt es eben immer mal wieder, würde so mancher Skeptiker da sagen. Doch erst im letzten Oktober traf Hurricane Leslie auf Portugal – mit ähnlichem meteorologischen Hintergrund, aber stärker als Vince. Ein Jahr zuvor, im Oktober 2017, erreichte Ophelia als östlichster Hurricane der Geschichte Irland und Großbritannien und forderte insgesamt vierundfünfzig Todesopfer. Es lässt sich schwer bestreiten, dass sich diese extremen Stürme an europäischen Küsten zu häufen scheinen.

Und dann gibt es da noch den kleinen, mediterranen Bruder des Hurricane – den „Medicane“. Medicanes entstehen über dem Mittelmeer, bevorzugt im Herbst, wenn die schon kalten Luftmassen des Kontinents über das noch warme Wasser ziehen. Im Schnitt treten sie etwa einmal im Jahr auf. Hier könnte der Klimawandel allerdings das Gegenteil bewirken; es wird angenommen, dass sich zwar das Wasser erwärmt, aber auch Kaltlufteinbrüche aus Norden seltener so weit in den Mittelmeerraum vordringen, was die Bildung von Medicanes erschweren sollte. „Normale“ Hurricanes haben leider keinen solchen Mechanismus, und man muss davon ausgehen, dass jegliche Erwärmung an den europäischen Küsten für extremeres Wetter führen wird.

Es ist also lediglich eine Frage der Zeit, bis der Klimawandel ganz regelmäßige und konkrete Auswirkungen haben wird – und das ist nur ein Beispiel auf einer langen Liste.
 

Judith Homann hat einen Master in Meteorologie von der Universität Innsbruck und interessiert sich insbesondere für extraterrestrische Wetteraktivitäten. Alle ihre Kolumnen finden Sie hier.

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