24. Februar 2020 1 Likes

Der Blick nach vorn

Worauf wir uns in der bemannten Raumfahrt im kommenden Jahrzehnt freuen dürfen

Lesezeit: 4 min.

Ende 2018 fiel mir ein Lautsprecher auf den Kopf. So etwas passiert eben, wenn man ganz oben auf ein nicht besonders stabiles Ikearegal einen Heimkino-Lautsprecher stellt, ohne besagten Lautsprecher ordentlich zu befestigen. Irgendwann wird er Ihnen auf den Kopf fallen. Das ist mir passiert, und er hat eine verdammt große Beule hinterlassen, das kann ich Ihnen sagen. Einfach nur dazustehen, dumm zu blinzeln und zuzusehen, wie einem das eigene Blut übers Gesicht läuft, ist ziemlich beängstigend.

Ich war allein im Büro, und tatsächlich lief ich eine Weile lang hin und her und wusste nicht so recht, was ich tun sollte. Ich war verletzt, hatte aber keine Ahnung, wie schwer. Sollte ich deshalb den Notruf wählen? Immerhin hatte ich ungefähr zehn Kilo Klopapier auf die Wunde gedrückt und damit die Blutung mehr oder weniger gestillt. Wahrscheinlich würden die Sanitäter angefahren kommen, genervt die Augen verdrehen und mir Aspirin geben. Glücklicherweise habe ich dann doch den Notruf verständigt, und als die Sanitäter kamen, warfen sie nur einen kurzen Blick auf mich und brachten mich schnurstracks ins nächste Krankenhaus, wo sie mich in einen Computertomographen schoben, mir in die Augen leuchteten und alle möglichen weiteren Tests durchführten. Zum Glück. Ich hatte eine schwere Kopfwunde und eine noch schwerere Gehirnerschütterung, aber gottlob keine Hirnblutung.

Die meisten Leute erholen sich innerhalb von vierzehn Tagen von einer Gehirnerschütterung. Ich nicht. Ich litt über mehrere Monate hinweg unter einer ganzen Reihe wundervoller, unter dem Namen „Postkommotionelles Syndrom“ bekannter Symptome. Mein Gehirn war nach wie vor im Ausnahmezustand, was sich in Schultern- und Nackenbeschwerden, Kopfschmerzen, verschwommener Sicht und einer lähmenden, niederschmetternden Müdigkeit äußerte. Vermeiden Sie um jeden Preis eine Kopfverletzung. Wirklich.

Wenn Sie dies lesen, hat das neue Jahrzehnt bereits angefangen. Und wissen Sie, was mir letztes Jahr um diese Zeit, als so ziemlich jede Tätigkeit mit Schmerzen verbunden war und eine Ewigkeit gedauert hat, Kraft verlieh? Diese Kolumne. Ungefähr alle sechs Wochen durfte ich mich mit einem meiner absoluten Lieblingsthemen beschäftigen: dem Weltraum. Ich stellte Recherchen zu bestimmten Nachrichtenmeldungen an, informierte mich umfassend über außerplanetarische Belange und hatte alles in allem einen Heidenspaß. Jedes Mal freute ich mich darauf, einen Beitrag für diese Kolumne zu schreiben, und nicht nur, weil diezukunft.de so nett ist, mir meine Mühen auch finanziell zu vergelten. Nein, ich freute mich darauf, weil ich so einer Wirklichkeit entfliehen konnte, die nicht besonders erfreulich für mich war.

Liebe Leserin, lieber Leser, gestatten Sie mir also in der ersten Kolumne dieses neuen Jahrzehnts, Ihnen meinen Dank aussprechen. Mit Ihrer Hilfe konnte ich meiner misslichen Lage eine Weile lang entkommen, und dafür bin ich Ihnen sehr verbunden!

Ich könnte jetzt einen Rückblick über bahnbrechende Weltraummissionen des vergangenen Jahrzehnts schreiben, vom Start der Space X Falcon Heavy bis zur Parker Solar Probe. Ich habe mir etwas Anderes überlegt, denn zumindest für mich war 2019 ein Jahr, das mit unschönen Erinnerungen verbunden ist. Ich will den Blick nach vorne richten. Was sind die wichtigsten Ereignisse in der Weltraumforschung, auf die wir uns in den nächsten zehn Jahren freuen dürfen? Und damit meine ich nicht das, was man uns versprochen hat, sondern das, was wirklich passieren wird.

Dass zum ersten Mal auch kommerzielle Anbieter wie SpaceX und Konsorten bemannte Flüge starten werden, steht wohl außer Frage. Das wird nicht nächstes Jahr passieren, aber definitiv vor 2030. Außerdem wird das kränkelnde Hubble-Teleskop durch das James-Webb-Weltraumteleskop ersetzt, Indien ziemlich sicher zu einer ernstzunehmenden Weltraummacht aufsteigen und Europa diesbezüglich früher oder später überholen. Und zu guter Letzt wird China eine wie auch immer geartete Weltraumstation in den Orbit schießen.

Aber das Allerbeste ist: Wir werden wieder Menschen auf den Mond schicken. Daran besteht in jüngster Zeit verstärkt Interesse. Die NASA will im Rahmen des Artemis-Programms einen bemannten Flug zum Südpol des Mondes starten. Wenn man bedenkt, welche Ressourcen dort möglicherweise schlummern, wäre es vorstellbar, dass sich mehrere Länder zusammentun und dort eine Basis errichten. Das ist durchaus im Bereich des Möglichen. Die Technologie dafür haben wir, es braucht nur den nötigen Willen sowie das nötige Kleingeld. Ich bin der festen Überzeugung, dass bis 2030 Männer und Frauen auf dem Mond wandeln werden – und womöglich werden wir auch die erste Transgender-Person im All erleben, was wirklich ein Meilenstein wäre. Vielleicht dauert das mit der Basis etwas länger, aber ganz bestimmt wird ein weiteres Mal ein Astronaut einen kleinen Schritt machen.

Und das ist nur ein Beispiel. Das nächste Jahrzehnt wird von großer Bedeutung für die Weltraumforschung sein, und ich hoffe, so lange wie möglich darüber berichten zu können. In diesem Sinne noch einmal herzlichen Dank für die vielen Lichtblicke im letzten Jahr.

(P.S.: Wenn Sie dies erst im Jahr 2030 lesen, würden Sie bitte in Ihre Zeitmaschine steigen, ins Jahr 2018 zurückreisen und den verdammten Lautsprecher vom Regal nehmen? Besten Dank!)

 

Rob Boffard wurde in Johannesburg geboren und pendelt als Autor und Journalist zwischen England, Kanada und Südafrika. Er schreibt unter anderem für „The Guardian“ und „Wired“. Seine Romane „Tracer“ (im Shop), „Enforcer“ (im Shop) und „Verschollen“ (im Shop) sind im Heyne-Verlag erschienen. Alle seine Kolumnen finden Sie hier.

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