21. Mai 2026

„Mother Mary“ – Mehr ist mehr

David Lowery Exorzismus-Musical hat große Ideen, kann sie aber nicht immer mit Leben füllen

Lesezeit: 3 min.

Ein wenig abseits des Rampenlichts, jenseits von Filmpreisen und Festivals, hat der amerikanische Regisseur David Lowery in den letzten Jahren einige der interessanten, ungewöhnlichsten Filme gedreht, mit denen er sich zwischen Hollywood und Independent-Kino bewegt.

Um seine ambitionierten Ideen zu finanzieren, hat Lowery Disney-Filme wie die Realversion von „Elliot, der Drache“ gedreht, auch den schönen Robert Redford-Film „Ein Gauner & Gentleman“, richtig gut wird Lowery jedoch erst abseits des Hollywood-Systems: Seine Artus-Variation „The Green Knight“ ist hier zu nennen, vor allem aber „A Ghost Story“, eine für fast nichts, für nur 100.000 Dollar gedrehte Mediation über Verlust, Erinnerung, Geister und die Vergänglichkeit.

Etliche dieser Thema finden sich nun auch in Lowerys neuem Film „Mother Mary“, der mit Anne Hathaway zwar einen veritablen Hollywoodstar aufzuweisen hat, aber gerade zum Ende auf so spektakuläre Weise aus der Bahn gerät, dass man sich nur wundern kann, wie so etwas finanziert wurde.

Dabei ist der Ansatz nicht unbedingt radikal: Es geht um den Persönlichkeitskult, der aus Stars Götter werden lässt, im Kino, aber noch mehr im Bereich der Musik, wo aktuell vor allem Frauen wie Taylor Swift oder Béyonce in einem Maße verehrt und verklärt werden, die kaum noch von religiöser Anbetung zu unterscheiden ist. Das lässt aus den Idolen Ikonen werden, macht aus Sängerinnen Heilige oder aus einer Mary Mother Mary, die einst schon die Beatles besangen. Hier wird sie gespielt von Hathaway, die ja schon in „Les Miserables“ bewiesen hat, das sie singen kann und nun Songs von Charli XCX und FKA Twigs singt. Bevor es jedoch soweit ist, wird geredet, ausführlich.

Nach einem Unfall hat sich Mary zurückgezogen und plant nun ihr Comeback. Zu dem soll ihr die Kostümbildnerin Sam (Michaela Coel) die passend spektakulären Outfits auf den Leib schneidern, doch dafür müssen die beiden Frauen ihre Animositäten begraben. Denn Sam war entscheidend daran beteiligt, Marys Look zu prägen, doch als es nach oben ging, hat Mary den Beitrag von Sam an der Erfindung ihrer Bühnenpersönlichkeit heruntergespielt.

Um die Frage, wer wen geschaffen hat und vor allem, welche Konsequenzen dies hat, geht es also, eine Frage, die man aus unzähligen Horrorfilmen geht, in denen Kreaturen geschaffen werden, die bald außer Kontrolle geraten und nur schwer wieder eingefangen werden können. Eine Überlegung, die sich leicht auch auf das moderne Popstarwesen anwenden lässt, wo Kunstfiguren geschaffen werden, die oft nur wenig dem realen Menschen hinter der Maske entsprechen. Wird nun diese Realität entblößt, können gerade die eingefleischtesten Fans mit Enttäuschung oder gar Aggression reagieren, wenn die Phantasie, der sie anhängen, sich als Maske erweist.

Auch an den Faustschen Pakt mit dem Teufel mag man hier denken, so wie es offenbar auch Lowery zumindest in Momenten getan hat. Ganz sicher will man sich da nicht sein, denn gerade in der zweiten Hälfte, wenn die Handlung von einem kammerspielartigen Sujet auf die Bühne und den Backstagebereich wechselt, gerät „Mother Mary“ immer wieder aus den Fugen. Mal wird in einer mehr an einen Exorzismus als eine Probe erinnernden Moment getanzt, ein Geist schwebt durch die Umkleidekabine, christliche Ikonographie wird zu Popstar-Reliquien: Es ist ein bisschen viel, was Lowery hier im Sinn hat, nicht alles ergibt Sinn, aber es reißt mit. Statt sich mit weniger zu begnügen, statt eine kleinere Geschichte zu erzählen, stopft Lowery seinen Film lieber zu voll. Zugänglich ist das nicht immer, dafür aber stets faszinierend.

Mother Mary • USA 2026 • Regie: David Lowery • Darsteller: Anne Hathaway, Michaele Coel, FKA Twigs • im Kino

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