24. Juni 2019 1 Likes

Animalischer Magnetismus

Warum die Magnetschwebebahn in Berlin doch eine gute Idee gewesen wäre

Lesezeit: 4 min.

Weil das Leben zwar vielleicht nicht die schönste Handschrift hat (wohl wegen der vereinfachten Ausgangsschrift, mit der man es aus pädagogischem Gutdünken in der Grundschule quält), aber doch immer noch die schönsten Geschichten schreibt, lese ich gerne Vermischtes aus der Provinz. Unter dem Titel „Unfassbare Schmuddel-Szene in S-Bahn“ vermeldete die Frankfurter Rundschau jüngst, dass sich in einer Berliner S-Bahn (in der sagenhaften S5 nämlich, wie der Reporter wissen ließ) an einem Sonntag gegen 11.30 Uhr ein Sachse, männlich, Manager, von seiner Angestellten oral befriedigen habe lassen. Lichterlohe Empörung der anderen Nahverkehrenden; einer zieht in höchster Not die Notbremse. Immerhin: vom Alex bis zum Ostbahnhof habe das Liebesspiel des frisch verliebten Paares gewährt („Wir waren frisch verliebt“, wie sich die um Jahre jüngere Maid, die Liebhaberin des sächsischen Managers, vor Gericht einließ). Dann aber: besagte Notbremse, feierlicher Empfang durch die Bundespolizei am Ostbahnhof, Anklage, Prozess und schließlich das Urteil: Der 39-jährige Manager aus Sachsen muss wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses 3.600 Euro Strafe zahlen; seine Angestellte 3.900 Euro.

Ein Fall, der viele Frage aufwirft: Wurde die Notbremse am Ostbahnhof gezogen, und wenn ja, warum? Dort hält die S-Bahn 5 doch sowieso. Oder hat der S-Bahnfahrer die Fahrt nach der vollzogenen Notbremsung wiederaufgenommen ‒ und das frisch verliebte Paar ihren Austausch von Zärtlichkeiten dito?

Die Linie 5 fährt bekanntlich vom Westkreuz bis nach Strausberg Nord; zwischen dem Alex und dem Ostbahnhof passiert sie die Jannowitzbrücke. Es ist dies, wie man weiß, bereits die vierte Jannowitzbrücke, die im Lauf der bewegten Geschichte Berlins erbaut worden ist, sie verbindet die Stadtteile Luisenstadt und Stralauer Viertel ‒ Zufall?

Außerdem: Wo wollten all die Zuschauer des notgebremsten Ereignisses eigentlich hin, am Sonntag, so früh am Tag? Gibt es in Berlin keine Gottesdienste in fußläufiger Nähe? Hat man dort noch nie etwas vom sonntäglichen Ausschlafen gehört?

Ferner: Sind die Berliner S-Bahnen wirklich so schmuddelig, wie der Frankfurter Rundschauer gesehen haben will – womöglich von Frankfurt aus, oder wie? Wie sieht der Fall überhaupt rechtlich betrachtet aus? Immerhin gilt, dass die vorsätzliche und nicht erforderliche Betätigung einer Notbremse in Deutschland ein Vergehen gemäß §145 StGB darstellt. Aufgrund des abrupten Stopps von Verkehrsmitteln kann überdies das Vergehen der Körperverletzung vorliegen ‒ man mag sich gar nicht vorstellen, welches körperliche Ungemach der abrupte Stopp bei dem rhythmisch bewegten Liebespaar hätte anrichten können (man müsste dazu natürlich wissen, ob das Paar quer zur Fahrrichtung oder in Fahrtrichtung positioniert war).

Vor allem aber: Wieso muss die Angestellte satte 300 Euro mehr entrichten als ihr Chef? Liegt es an der Herkunft des frisch verliebten Managers („Sachsenrabatt“), an seiner Bedeutung für das Volksvermögen („Manager“)? Oder drittens an dem animalischen Magnetismus des Managers, der nicht zuletzt auf Richterpersonen seinen magischen Einfluss ausübt?

Überhaupt das rätselhafte Verhalten der Mitreisenden. Ich habe einmal recherchiert: Gibt man die Stichworte „Oralsex“, „Öffentlichkeit“ und „S-Bahn“ in die Suchmaschine ein, werden einem massenhaft Dokumentationen solcher Liebesdienstleistungen präsentiert, manche in HD. Nur: Nirgends wird eine Notbremse gezogen; die Passagiere, wenn sie die Aktion denn überhaupt zur Kenntnis nehmen und nicht vielmehr so tun, als ob, applaudieren allenfalls der Darbietung schlussendlich.

Schließlich heißt es im Sachsenlied „Sing, mei Sachse, sing“, einer der inoffiziellen Hymnen des Heimatlandes des nun verurteilten Managers, nicht umsonst: „Doch gommt der Sachse nach Berlin, da gönn se ihn nich leiden. / Da wolln s’ihm eene drieberziehn, da wolln se mit ihm streiten!“ Schöner hätte es auch das Leben selbst nicht sagen können.

Was lernen wir aus all dem für die Zukunft? Mir scheint, folgende Forderungen stellen sich wie von selbst:
1. Wir brauchen ein sauberes, unverschmuddeltes und verlässliches Straßenbahnverkehrswesen, auch und gerade in Berlin, dem Aushängeschild Deutschlands. Gefahren werden sollte in möglichst engen Takten. So bekommen wir auch den Klimawandel in den Griff. Die Fahrer wie die Schaffner sollten gut und fair bezahlt werden.
2. Das Sachsen-Bashing muss, drei Jahrzehnte nach der Widervereinigung, endlich aufhören. Dass sich blutjunge Angestellte derart Hals über Kopf in ihren sächsischen Dienstherren verlieben, sollte zu denken geben.
3. Vielleicht wäre es doch gut gewesen, die Magnetschwebebahn zu bauen. Man hätte sie mit dem animalischen Magnetismus betrieben können, den sächsische Manager ausstrahlen. Ohne animalischen Magnetismus auch keine erotischen Szenen im Triebwagen, der keusch und kostengünstig seiner Wege schweben würde.

Bitte derlei in Zukunft bedenken!

 

Hartmut Kasper ist promovierter Germanist, proliferanter Fantast und seines Zeichens profilierter Kolumnist. Alle Kolumnen von Hartmut Kasper finden Sie hier.

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