12. Dezember 2018 2 Likes

Der rote Planet lebt!

Oder vielleicht auch nicht. Womöglich hat er das mal. Aber fangen wir von vorne an …

Lesezeit: 5 min.

Die mehr oder weniger romantische Vorstellung von grünen Marsmännchen begleitet unsere Popkultur seit Jahrzehnten. Als unser direkter Nachbar ist der Mars – nach dem Mond – für die Wissenschaft das nächste Ziel. In den 1960er-Jahren schickten sowohl die USA als auch die Sowjetunion mehrere Sonden zum roten Planeten, doch die meisten schafften es nicht einmal aus dem Erdorbit heraus oder verloren auf dem Weg zum Mars den Funkkontakt. Mit Mariner 4 gelang 1965 endlich das erste Flyby-Manöver, und es wurden ganze einundzwanzig Fotos zur Erde gesendet. Auf denen waren keine grünen Männchen zu sehen – und auch sonst war für Laien nicht viel zu erkennen.

 

Mars: Mariner 4
Mars: Mariner 4 

Nur sechs Jahre später, nach weiteren drei Mariner-Missionen sowie der ersten Sowjet-Sonde, die den Mars erreichte, gab Mariner 9 endlich genauere Einblicke in die Natur des roten Planeten. Wir erfuhren, dass er nicht – wie vorher nach kürzeren Missionen angenommen –hauptsächlich von Kratern übersäht ist wie der Mond, sondern erdähnliche geologische Merkmale aufweist: riesige Vulkane, Schluchten, weite Ebenen. Auch der erste marsweite Staubsturm wurde beobachtet – ein Phänomen, das nicht selten vorkommt und das auch Curiosity dieses Jahr eine mehrere Wochen dauernde Zwangspause einlegen ließ.

Das alles klingt nicht gerade nach einem einladenden Ort, aber das schließt das Vorhandensein von Leben auch noch nicht aus. Das nächste Ziel war also klar: Ein Landemodul musste die Oberfläche erkunden. Mehrere Versuche scheiterten. Manche Sonden zerbrachen beim Aufschlag auf dem Mars, andere verfehlten den Planeten ganz. Der erste große Erfolg kam 1976 mit Viking 1 und 2, die beide wohlbehalten auf der Oberfläche landeten und zu ihren Orbitern funkten. Zum ersten Mal bekam die Menschheit Farbfotos von einem anderen Planeten geschickt – und darauf zu sehen waren keine grünen Männchen, sondern vor allem viel roter Staub und Steine. Bodenproben wurden zwar genommen, ließen aber keine eindeutigen Schlussfolgerungen zu.

Über die nächsten Jahrzehnte wurden weitere Orbiter und Lander zum Mars geschickt, doch die daraus gewonnenen Erkenntnisse zeigten einen lebensfeindlichen Planeten ohne nennenswerte Atmosphäre, ohne ein Magnetfeld, das gefährliche Partikelströme von der Sonne abhält, und vor allem: ohne flüssiges Wasser, aber immerhin mit Eis an den Polen. Bakterienähnliche Fossilien ließen vermuten, dass es hier Leben gegeben haben könnte, doch wenn es einmal da war, schien es längst ausgestorben zu sein.

2018 jedoch war einmal mehr dank dem Mars-Rover Curiosity das Jahr für alle Marsbegeisterten. Highlight Nummer eins: Im Juni fand man in 3,5 Milliarden Jahre alten Bodenproben aus dem Gale-Krater, wo sich Curiosity seit 2012 gegen die harsche Umgebung behauptet, große, komplexe Kohlenstoffverbindungen. Für sich genommen bedeutet das noch gar nichts, denn Kohlenstoffe aller Art findet man auch in vollkommen anorganischem Material. Aber Leben, selbst in seinen primitivsten Formen, basiert immer auf komplexen Kohlenstoffverbindungen. Diese Überreste könnten Hinweise darauf sein, dass es im Gale-Krater womöglich einmal Grundlagen für organisches Leben gab.

 

Curiosity: Kohlenstoff im Gale-Krater
Kohlenstoff-Fund durch Curiosity im Gale-Krater

Highlight Nummer zwei: Die Atmosphäre des Mars besteht größtenteils aus Kohlendioxid, doch es sind auch Spuren von Methan vorhanden. Auf der Erde sind die größten Methanquellen organischen Ursprungs – Viehzucht, Termiten, Bakterien in den Böden. Aber auch anorganische, geologische Quellen können Methan abgeben, daher ist das Vorhandensein dieses Gases allein noch kein Beweis für die Existenz von Leben auf dem Mars. Dieses Jahr wurde allerdings festgestellt, dass der Methangehalt in der Marsatmosphäre saisonal variiert. Es muss also einen saisonalen Vorgang geben, der die Methanemission im Jahresverlauf verstärkt und abschwächt. Da sich geologische Prozesse in der Regel nicht an Kalender halten, lässt das den Schluss zu, dass dieses Methan möglicherweise organischen Ursprungs ist.

Highlight Nummer drei: Wasser. Richtiges, flüssiges Wasser. Der Mars-Orbiter verfügt über eine Reihe cleverer Sensoren, die auf verschiedenen Wellenlängen nicht nur die Oberfläche beobachten können, sondern auch durch Eis und Gestein hindurchblicken können. Mit ihrer Hilfe fand man unter der Eiskappe des Südpols tatsächlich eine Schicht von flüssigem Wasser (der Sensor kann das am unterschiedlichen Reflexionsverhalten der Oberflächen feststellen). Ähnliche Wasserkörper gibt es auch auf der Erde, etwa unter den Gletschern Grönlands und Islands, jedoch sind sie hier zumindest zum Teil durch Thermalenergie aus dem Erdinneren bedingt. Der Mars ist, geologisch gesehen, fast vollständig inaktiv. Dass das Wasser unter dem Südpol des Mars dennoch flüssig bleibt, lässt zwei Schlüsse zu: Zunächst einmal herrscht dort durch das Gewicht der Eislasten ein unheimlich hoher Druck. Das senkt den Schmelzpunkt von Eis, Wasser wird also schon bei niedrigeren Temperaturen flüssig. Zweitens muss besagtes Wasser sehr salzig sein, denn auch Salz lässt den Schmelzpunkt sinken (deswegen streuen wir es im Winter).

Wir können also darauf schließen, dass das die Verhältnisse im Mars-Wasser sehr kalt, sehr erdrückend und sehr salzig sind. Das klingt nicht gerade einladend für Lebensformen, doch wenn wir uns ansehen, in welchen Gegebenheiten man auf der Erde organische Verbindungen gefunden hat, rückt es den Salzsee auf dem Mars in ein neues Licht. Leben existiert auf der Erde in so hohen Atmosphärenschichten, dass dort praktisch kein Sauerstoff und keine Wärme mehr vorhanden sind, dafür aber reichlich UV-Strahlung. Leben existiert im Toten Meer, das seinen Namen der fehlerhaften Annahme verdankt, es sei für Lebewesen zu salzig. Leben existiert am Grund der Ozeane unter eintausend mal höherem Druck als an der Erdoberfläche und in den ewig gefrorenen Gletschern der Antarktis. Plötzlich klingt Leben in einem Salzsee unter einem Marsgletscher gar nicht mehr so unwahrscheinlich, oder?

Ein wenig Vorsicht müssen wir dennoch walten lassen. All dies sind Indizien dafür, dass Leben auf dem Mars möglich sein könnte – oder zumindest einmal möglich war. Noch haben wir trotz größter Anstrengungen keinen Beweis für existierendes Leben auf dem Mars entdeckt, historisch oder gegenwärtig. Aber mit den Erkenntnissen dieses Jahres ist die Vorstellung, es gäbe Leben auf dem Mars, wieder etwas näher gerückt. Auch wenn es wohl keine grünen Männchen sein werden.
 

Judith Homann hat einen Master in Meteorologie von der Universität Innsbruck und interessiert sich insbesondere für extraterrestrische Wetteraktivitäten. Alle ihre Kolumnen finden Sie hier

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