11. Februar 2019 1 Likes

Wieso dauert das so lange?

Zum Mond, aber erst in zehn Jahren – die NASA scheint alle Zeit der Welt zu haben

Lesezeit: 4 min.

Vor einigen Wochen ist mir etwas unglaublich Dämliches passiert. Ich stieß gegen ein hohes, nicht gerade stabiles Bücherregal, auf dem ein ziemlich schwerer Heimkinolautsprecher stand. Die genauen physikalischen Umstände, die ihn zu Fall brachten, entziehen sich meiner Kenntnis – doch Tatsache ist, dass er fiel, und zwar mit einer spitzen Ecke direkt auf meinen Kopf.

Ich habe noch nie so viel Blut auf einmal gesehen. Es war überall. Kurzzeitig war ich überzeugt davon, keinen Tropfen mehr im Leib zu haben. Es quoll förmlich aus mir heraus. Doch dann kam ich wieder zu Sinnen und rief einen Krankenwagen, eine Entscheidung, mit der ich haderte, bis der Wagen schließlich eintraf. Ich mache nicht gern Umstände – vielleicht würde es ja besser werden, wenn ich mich eine Weile hinlegte? „Auf keinen Fall, Sportsfreund“, sagte der Sanitäter, nachdem er einen Blick auf mich geworfen hatte. „Ab ins Krankenhaus.“

Insbesondere nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus wünschte ich mir sehnlichst, eine Zeitreise zu machen und einfach nicht an diesem Regal vorbeizugehen. Das hätte mir auch die Gehirnerschütterung erspart – es gibt bestimmt Schlimmeres auf der Welt, aber so eine Gehirnerschütterung ist definitiv in den Top Ten. Kein Fernsehen. Kein Handy. Keine Bücher. Kein Sport. Keine Masturbation. Kein Sex. Wenn man ganz brav ist, darf man eine Weile an die Decke starren. Schlaf ist wichtig, aber nicht zu viel. Übrigens ein ziemlich überflüssiger Ratschlag, da eine Gehirnerschütterung Schlaflosigkeit verursacht. Uff.

Andererseits hat man viel Zeit zum Nachdenken. Und viel Zeit überhaupt, weshalb man irgendwann anfängt, über die Zeit nachzudenken – zum Beispiel, wie man sich mittels einer Zeitreise selbst davon abzuhalten könnte, etwas Idiotisches zu tun. Irgendwann dachte ich auch über darüber nach, warum Weltraumreisen so verdammt lange dauern. Diese Frage beschäftigt mich immer noch.

Dabei meine ich nicht den Vorgang des Reisens durch den Weltraum an sich; wie Douglas Adams wusste und jeder Komet bestätigen kann, ist der Weltraum sehr groß. Nein, ich rede von der Planung und Durchführung einer erfolgreichen Weltraummission. Ein Beispiel: Es ist noch nicht lange her, da hat die NASA – mit großem Trara – verkündet, wieder Astronauten auf den Mond zu schicken. Und zwar längerfristig. Großartig! Toll! Ich will mit! Aber Moment … das ist erst für 2028 geplant? Bis dahin sind es noch zehn Jahre. Brauchen die wirklich zehn Jahre, um etwas zu planen, was schon einmal geklappt hat? Und zwar zu einer Zeit, als allein für die Berechnung, welchen Kurs das Raumschiff nehmen muss, ein zimmergroßer Computer nötig war? Egal, was die Verschwörungstheoretiker behaupten: Wir haben bereits mehr als einmal Menschen auf den Mond geschickt. Und jetzt sagt die NASA, dass es volle zehn Jahre dauert, um das zu wiederholen? Weshalb? Warum dauert das so lange?

Natürlich ist mir bewusst, dass es bei einem derartigen Vorhaben unzählige Dinge zu berücksichtigen gilt. Wenn wir Menschen längerfristig auf dem Mond beherbergen wollen, brauchen wir größere Raketen als jemals zuvor. Wir brauchen enorm leistungsfähige Computer, viel Personal und – am wichtigsten – eine Menge Geld. Die NASA wird darauf achten, dass ihr Budget in nächster Zukunft gesichert ist und dass ihr für Notfälle ein gewisser finanzieller Spielraum zur Verfügung steht. Trotzdem – zehn Jahre, um etwas zu wiederholen, was schon einmal gelungen ist? Das kommt mir doch übertrieben lange vor.

Es muss ja nicht gleich morgen passieren. Auch wenn Elon Musk und Richard Branson behaupten, schon nächstes Wochenende Weltraumtouristen ins All schicken zu können – in der Realität braucht so eine Weltraummission eben ihre Zeit. Von der NASA zu verlangen, bis zum Sommer ein Hotel aus dem Mondboden zu stampfen, wäre weltfremd. Aber zehn Jahre? Bei allem Respekt, aber was trödeln die denn so herum?

Die NASA sollte ihre Planung lieber mir überlassen. Momentan habe ich jede Menge Zeit. Ich starre um vierzehn Uhr eine Weile an die Decke, dann habe ich nichts mehr vor, bis ich mir gegen siebzehn Uhr das Ohr kratze. Ich weiß zwar nichts über Planetologie oder Weltraumforschung und nur wenig von lunarer Physik, und Geld habe ich auch keins – aber hey, ich bin mir sicher, dass ich so etwas in weniger als zehn Jahren auf die Beine stellen kann.
 

Rob Boffard wurde in Johannesburg geboren und pendelt als Autor und Journalist zwischen England, Kanada und Südafrika. Er schreibt unter anderem für „The Guardian“ und „Wired“. Seine Romane „Tracer“ (im Shop) und „Enforcer“ (im Shop) sind im Heyne-Verlag erschienen. Alle seine Kolumnen finden Sie hier.

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